Schockiert von Offenbach

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Symbol für den angestrebten Strukturwandel: Der Ostpol.

Offenbach - Die Europäische Union hat Geld zur Verfügung gestellt, mit dessen Hilfe in Offenbach das kreative Potenzial besser ausgeschöpft werden soll. Die Stadt passt offenbar genau in die Vorgaben aus Brüssel. Von Claus Wolfschlag

Der „Europäische Fonds für regionale Entwicklung“, welcher der Europäischen Kommission untersteht, nennt unter anderem als Ziel die „Unterstützung der Entwicklung der am wenigsten wohlhabenden Regionen“ sowie die „Wiederbelebung der Gebiete mit Strukturproblemen“.

Damit fließen stattliche Euro-Beträge in die Unterstützung der hiesigen Kreativwirtschaft. Etwa 40 000 Euro an Zuschüssen kann das zweijährige, noch bis März laufende Projekt „Kreativwirtschaft und Stadtentwicklung“ verbuchen. Effektiv etwa 250 000 Euro erhält die Stadt von der EU für das seit November laufende dreijährige Modellprojekt „Lokale Ökonomie“. Koordiniert wird das Ganze vom „Forum Kultur und Sport“, als Geschäftsführer des Projekts fungiert Oliver Wittmann.

„Vernetzt“ heißt das Zauberwort

Was mit dem neuen Projekt konkret bezweckt wird, bleibt indes bislang noch undeutlich. Die Verantwortlichen reagieren zögerlich, wenn von einem praktischen Nutzen für die Stadt die Rede ist. Man möchte im sozialpsychologischen Bereich Anregungen geben, Befindlichkeiten im Kulturbereich aufspüren, heißt es. Dann wird man doch etwas konkreter: Kleine bis mittlere Kreativbetriebe sollen gefördert werden, heißt es. Dahinter kann sich nach Angaben der städtischen Projektleiter vieles verbergen. Die „Vermittlung von Netzwerkzusammenhängen“ etwa, Hilfe beim Berufseinstieg, Fortbildungsmaßnahmen für Jungkreative, Hilfe bei Raumfragen, zum Beispiel die Vermittlung von Atelierräumen, oder aber das Begleiten junger Selbständiger beim Ausfüllen bürokratischer Anträge. „Vernetzung“ heißt das Zauberwort aus dem ein „Mehrwert für das Fördergebiet“ entstehen soll.

Einen Anfang machte nun der Offenbach-Besuch von Professor Steffen Höhne und vier seiner Studenten aus Weimar. Höhne leitet den Studiengang „Kulturmanagement“ der Weimarer Hochschule für Musik Franz Liszt, der als akademischer Partner des Offenbacher Projekts fungiert.

Der Blick hinter die Fassade fasziniert

Der Besuch besteht aus diversen Führungen, Spaziergängen und Gesprächen mit städtischen Verantwortlichen, zum Beispiel mit Jürgen Amberger von der Wirtschaftsförderung. Als Ergebnis der weitergehenden Beschäftigung mit Offenbach soll dann eine Expertise als Abschlussarbeit am Ende des Jahres erstellt werden.

Steffen Höhne wusste bei einer Pressekonferenz am Dienstag Nachmittag davon zu berichten, dass seine Studenten schockiert gewesen wären, nachdem sie in Offenbach angekommen waren. Doch, beschwichtigte er, sei es für sie auch faszinierend gewesen, in Gesprächen mit Vertretern der Stadt hinter die Fassade zu schauen.

Es schlummert Potenzial in diversen Ecken

Allgemein erkannten die Studenten sehr schnell die Grundprobleme Offenbachs: „Die Stadt ist nicht mit Geld gesegnet, der Strukturwandel ist deutlich sichtbar. Viele Häuser sind nur unzureichend saniert, aber es existiert vereinzelt Potential in diversen Ecken.“ Genannt wurde hierfür das Mathildenviertel um das Kreativzentrum „Ostpol“. Auch der hohe Ausländeranteil böte ein gewisses Imagepotenzial, wurde angemerkt. Allerdings müsse man dies ohne Multikulti-Romantik betrachten. Insgesamt aber, so das Fazit einer Studentin, sei wohl selbst das Ruhrgebiet mittlerweile kulturell besser entwickelt als Offenbach.

Auch Steffen Höhne bewertete die Zukunft Offenbachs verhalten. Die Stadt habe im Rhein-Main-Gebiet ein Negativimage, im restlichen Deutschland hingegen eher ein Non-Image. Man wisse vielleicht noch, wo die Stadt in etwa geographisch liege, könnte sich unter ihr aber nichts vorstellen. Sicherlich habe die Stadt ein gewisses Potenzial angesichts der Nähe zum Wirtschaftsstandort Frankfurt und des dort existenten Mietdrucks. Doch werde sich am Ende der Betrachtung Offenbachs die Frage nach der Steuerbarkeit von Prozessen stellen. Ohne öffentliche Kulturförderung passiere zwar nichts, zumal Künstler zunehmend in prekären Arbeitsverhältnissen lebten. Zugleich aber warnte Höhne vor einer Überbewertung der Möglichkeiten von Kultur und Kreativwirtschaft.

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