Schön bis unter die Haut

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Carlin aus Offenbach, das etwas andere Model.

Offenbach - Carlin fällt auf. Ihre Haut erzählt Geschichten. Von ihren Erlebnissen, ihren Gedanken. Dingen, die ihr wichtig sind, die sie bewegen.  Von Veronika Szeherova

Da sind Schmetterlinge, Herzen, eine Sanduhr mit „Memento Mori“-Schriftzug. Asiatische Zeichen, Schwalben, Ornamente. Wie viele Tätowierungen sie insgesamt hat, kann sie schon gar nicht mehr sagen. Carlin (Künstlername) ist 29 Jahre alt, Offenbacherin, Jurastudentin und Tattoo-Model.

Eine Leidenschaft, die für sie fast schon zur Sucht geworden ist. „Wenn man einmal damit angefangen hat, ist es schwer, einfach wieder aufzuhören“, sagt sie. „Nackte Haut ist verschwendete Haut.“ Noch sei auf ihrem „Oberschenkel viel Platz.“ Bald nicht mehr. Womit er geschmückt wird, steht schon fest. Die Zeichnung ist fertig. „Eine Frau, die in den Spiegel guckt, und aus dem Spiegelbild schaut ein Zombie zurück.“ Carlins Augen funkeln vor Vorfreude. „Dieses Motiv ist angelehnt an das Problem, dass viel zu viele Frauen, die hübsch sind, in den Spiegel gucken und sich nicht gefallen.“

Sie hat jedenfalls keine Scheu, ihren Körper zu zeigen, den neben Tattoos auch noch einige Piercings und ein Stern-Implantat an der Brust schmücken. Wer Carlin sieht, und sei es nur auf Fotos, kann sich angezogen fühlen – oder eben nicht. Ihre Wirkung auf andere Menschen kann sie schwer nachvollziehen: „Manchmal erfahre ich erst über Dritte, dass ich durch die vielen Tätowierungen irgendwie brutal aussehe. Mir ist das gar nicht so bewusst, und ich finde es auch komisch. Ich weiß ja, was ich für ein Mensch bin.“ Lachend erklärt sie, dass damit auch Vorteile verbunden sind: „Ich werde in Offenbach nie angepöbelt.“

Als Jura-Studentin fällt sie aus dem Rahmen

Doch sie macht keinen Hehl daraus, dass ihr Alltag durch ihr Äußeres nicht gerade einfacher wird. Im Jura-Studium falle sie völlig aus dem Rahmen. „Ich war einmal bei einer Gerichtsverhandlung, und der Richter hat sofort geglaubt, ich sei die Angeklagte“, erinnert sich Carlin. „Tätowierungen werden leider immer noch mit Asozialem verbunden.“ Deshalb habe sie auch zu ihren „Polohemden tragenden“ Kommilitonen kaum Kontakt. Das sei in ihrem Erststudium – sie ist Diplom-Pädagogin – ganz anders gewesen. „Da waren die Leute einfach viel lockerer drauf.“

Trotzdem: Anwältin zu werden ist für die Studentin im zehnten Semester das große Ziel. Sie jobbt schon seit mehreren Jahren in einer Frankfurter Kanzlei. „Mein Chef war anfangs skeptisch wegen meines Äußeren, aber mittlerweile ist er richtig aufgeschlossen“, freut sich Carlin. „Er ist sogar derjenige, der mich damals zum Jurastudium ermuntert hat.“ Auf künftige Tattoos wegen des seriösen Berufs zu verzichten kommt für die 29-Jährige nicht infrage. Lediglich im Gesicht und am Hals will sie sich nicht stechen lassen – „das wäre schon sehr krass.“ Genau wie eine Zungenspaltung, über die sie eine Zeit lang nachgedacht hatte. Aber noch mehr Abstriche zu machen, sieht sie nicht ein. „Klug ist es sicher nicht“, sagt sie.

Nur Motive, die ihr persönlich etwas bedeuten

Ihre Tattoo-Motive sind stets wohlüberlegt. „Es darf niemals einfach irgendwas sein“, ist sie überzeugt. „Ich lasse mir nur Motive stechen, die mir wirklich persönlich etwas bedeuten.“ Sich unüberlegt tätowieren zu lassen hält sie für einen großen Fehler. „Das sind dann diejenigen, die sich in ein paar Jahren lasern lassen, um das Tattoo loszuwerden.“ Das könne sie sich gar nicht vorstellen: „Diese Entscheidung habe ich für mein Leben getroffen. Es gibt mir Beständigkeit.“

Sie hält ein gewisses Alter für nötig, um die richtigen Motive fürs Leben zu finden. „Das muss wachsen, braucht eine Geschichte.“ Ihr erstes Tattoo ließ sie sich mit 18 stechen. „Am liebsten hätte ich schon mit 14 angefangen, aber meine Eltern waren strikt dagegen“, erzählt sie lächelnd. „Im Rückblick ist das so aber in Ordnung.“ Auch ist sie froh, gleich ein seriöses Tattoo-Studio gefunden zu haben. „Ich wollte mein erstes Tattoo, ein japanisches Schriftzeichen, am Nacken haben. Sie rieten mir dort aber, es an einer unauffälligeren Stelle zu machen, um zu sehen, ob das wirklich etwas für mich ist.“ Das Schriftzeichen kam an den Unterbauch. Von da an verging für sie kein Jahr, an dem nicht nach und nach neue Tattoos hinzugekommen wären. „Ein gutes Studio erkennt man daran, dass man lange auf einen Termin warten muss. Die sind monatelang ausgebucht und wollen natürlich, dass man das Tattoo später nicht bereut“, klärt Carlin auf.

„Schöner als dürre Models"

Mittlerweile haben sich auch die Eltern mit der Leidenschaft ihrer Tochter abgefunden. Auch ihr Freund, selbst nicht tätowiert, hält sie nicht von weiteren Neuerwerbungen ab. Und Model-Aufträge gibt es immer wieder. „Unser Körper ist viel normaler und schöner als der von den dürren Models in den Modezeitschriften“, findet Carlin. Zugegeben, an diesem Argument ist etwas dran.

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