Der schönen Schrift gewidmet

Offenbach - Offenbacher Schreibwerkstatt Klingspor eröffnet am Sonntag Hoefer-Archiv in Rumpenheimer Kunstfabrik

Trotz aller Unkenrufe und bescheidener Förderungsetats gilt: Offenbachs Kultur boomt. Das unterstreicht die 1987 von HfG-Professor Karlgeorg Hoefer (1914-2000) gegründete und von seiner Frau Maria geförderte „Schreibwerkstatt Klingspor Offenbach - Förderkreis internationaler Kalligraphie“, die man im Ausland oft eher kennt als hierzulande. Beengte Zeiten unter dem Dach des Hinterhauses Kaiserstraße 11 sind vorbei, man ist mit wertvollen Hinterlassenschaften nicht zwischen den Paletten einer Lagerhalle gelandet. Die Freude der Schriftliebhaber ist riesengroß, denn in der Rumpenheimer Kunstfabrik am Mainufer (Kleines Gässchen 13-15) haben sie einen würdigen Raum gefunden und aufwändig hergerichtet. Das Treffen und Arbeiten wie das Aufbewahren und Ausstellen der Sammlung wird hier zum Genuss. Zur Einweihung des neuen Kunstzentrums am Sonntag, 8. Februar, 11 Uhr, haben sich der 90-jährige Schriftkunst-Professor Hermann Zapf, der 86-jährige Schriftvirtuose Hans Schmidt und Buchexperte Lothar Franke, der letzte lebende Schüler Rudolf Kochs, angesagt.

Das Schildchen am Treppenaufgang des Fabrikhauses 1 A wirkt unscheinbar. Aber wenn man, vorbei an der schön geschriebenen Hoefer-Präambel „Ziel der Kalligraphie“, in den 1. Stock gestiegen ist, tut sich ein Kunstraum auf, der in Offenbach seinesgleichen sucht: Die gut bestückte wie einladende Bücherlandschaft folgt Hoefers Ideal „Schreibkunst für jedermann.“ Neben Literatur zu allen Bereichen der Schriftkunst steckt in Schubschränken und Vitrinen der gesamte künstlerische Nachlass von Karlgeorg und Maria Hoefer, der vor einigen Wochen noch in einer alten Mühle bei Limburg lagert, wo sich Hoefer-Sohn Otmar niedergelassen hat. Davor ziehen farbige Holzreliefs von Hans Schmidts Stele „Ethik und Ästhetik sind eins“ ebenso die Blicke auf sich wie Rudolf Kochs goldgerahmter Groß-Holzschnitt zum Straßburger Münster. An den Wänden breitet sich eine Galerie hochkarätiger Schriftkunstbilder aus, in der unteren Reihe Exponate des Ehepaares Hoefer, in der oberen Reihe Spitzenerzeugnisse bekannter Kalligraphen aus aller Welt. Neben Alan Blackman, Denise Lach, Roger Druet und Rachel Althof fehlen deutsche Schriftkünstler wie Gottfried Pott, Ursula Wenzlaff und Hermann Kilian keineswegs. Die schwungvollen geschriebenen Blätter mit dem fein abgestimmten Pinselkolorit hängen relativ hoch, damit man bei der Ausübung der Schreibkunst nicht anstößt. Denn hier soll auch gearbeitet werden und vorgelesen, diskutiert und ausgestellt. Die Titel ausgestellter Arbeiten sind Programm: „Faszination Schrift“, „Schriftzeichen als künstlerischer Ausdruck“ oder „Kalligraphische Etüden.“

Wer hier aber eine elitäre Gruppe vermutet, irrt. Durch den Raum wuselnde Profi- und Hobbyschreiber wirken in ihren letzten Vorbereitungen zur Eröffnung des Archivs wie eine fröhliche Gemeinschaft, in der das Hoefer-Erbe menschlich wie künstlerisch weiterlebt. „Ich hab mich noch nie so glücklich gefühlt, wie in unserer Schreibwerkstatt“, schwärmt Maritta Staacks, die ebenso zum „harten Kern“ der Schreibgruppe zählt wie Margarete Rothe-Schwade, Maya Huber, Gunhild Samel, Sigrid Hammon und Hannelore Andree. Motor der erwärmenden Szenerie ist „Schriftführer“ Dankwart Samel. Der erfahrende Baudekorateur mit vier Semestern Kunsthochschule hat die etwa 25-köpfige Kerngruppe nach dem Tode Hoefers mit am Leben erhalten und nun einen unansehnlichen Fabrikraum mit Hilfe seiner Frau Gunhild und Sohn Gunthard in eine sehr ansprechende Ausstellungshalle verwandelt. „Wir haben Tag und Nacht geschafft, auch an Weihnachten“, bekennen die Samels.

Um die Mietkosten von 3000 Euro jährlich zu finanzieren, stehen „Bausteine“, gedruckte Karten mit Schreibwerkstatt-Arbeiten, zum Verkauf. Beim Räumen und Sortieren sind selbst Helfer und „Lehrlinge“ wie Dieter Staacks und Rolf Huber der Passion verfallen, die in Abend-, Sommer- und Wochenendkursen von Hoefer und anderen Dozenten geweckt wurde. Das Programm für 2009 verrät, dass diese weitergehen, auch an der Rudolf-Koch-Schule, im Klingspormuseum und im Kloster Salmünster. Die Nachfrage ist groß, bald 300 Kurse mit 70 Dozenten zählten bisher 4500 Teilnehmer von Taiwan bis Los Angeles.

„Wir verstehen uns als Multiplikatoren. Einmal monatlich soll es hier einen Tag der offenen Tür geben“, kündigen Samels an. Erstmals hat die Schriftkunstszene eine repräsentative Heimat, zumal an der HfG die Kalligraphie-Tradition der Werkkunstschule nicht mehr fortgesetzt wird. Weitere Nachlässe werden die Substanz des Archivs noch steigern. Auf die Vernetzung mit anderen Künstlern des Kreativareals darf man ebenso gespannt sein wie auf die Einbindung in die rege Rumpenheimer Kunsthandwerkerszene.

Dazu formuliert die Schreibwerkstatt Ziele: „Uns geht es um eine Wertsteigerung des Lebens, dazu wollen wir alle Register ziehen. Texte sollen nicht nur originell geschrieben sein, sondern auch literarische Qualität haben.“ Man versteht sich dabei als künstlerische Bürgerinitiative: „Wer immer dazu Lust hat, kann zu uns stoßen. Die Mitgliederzahl von 180 lässt sich ausbauen.“

Informationen, Anmeldungen und Führungen: 069 882862 und www.schreibwerkstatt-klingspor.de

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