Präventionsexperte Frank Weber erläutert

Schreien kann nützlich sein

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Eine Szene aus einem Gewalt-Präventions-Kurs. Den nächsten bietet das Ordnungsamt im März an. 

Offenbach - Wegrennen oder in die Flucht schlagen, um Hilfe rufen oder das allein klären? Wer schon mal, wie jüngst unsere Autorin, bedroht wurde, kennt diesen Kurzschlussmoment, diese Schockstarre, wenn’s brenzlig wird. Präventionsexperte Frank Weber weiß, was zu tun ist. Von Sarah Neder 

Wie ferngesteuert gehe ich die letzten Schritte zur Haustür. Ich kann meinen Atem hören, er klingt, als wäre ich gerannt. Meine Hände zittern in den Jackentaschen. Das war gerade ziemlich knapp. Nur ein falsches Wort, und ich wäre Opfer gewesen. Ein Opfer von Gewalt.

Passiert ist es auf dem Fußweg von der S-Bahn nach Hause. Die gewohnte Strecke: einfach die Straße runter, dann links. Vorm Abbiegen kommt mir ein Radfahrer auf dem Bürgersteig entgegen. Er bremst kurz vor meinen Füßen, beschimpft mich. Hart. „Du Spasti, siehst du nicht, dass ich hier fahren will“, schießt er mir entgegen. Ich gebe Widerworte. Reize ihn damit offenbar. Er droht, mich zu schlagen. Steigt vom Fahrrad. Mein Herz pocht bis zum Kinn. Was soll ich tun? Weglaufen, standhaft bleiben, mich wehren? Wie komme ich da wieder raus?

Stellvertretender Ordnungsamtsleiter Frank Weber rät: „Eigenschutz ist das Wichtigste.“ Der Präventionsexperte zählt einige Regeln auf, die helfen, sich Gewaltsituationen zu entziehen. Der Bedrohte soll etwa Abstand zum potenziellen Täter halten, sich räumlich distanzieren, ihm aus dem Weg gehen. „Am besten ist es, wenn ich gar nicht erst in das Magnetfeld des Täters hineinkomme“, sagt Weber.

Ist es dafür bereits zu spät, gilt es, Hilfe zu organisieren. „Das Opfer muss Öffentlichkeit suchen und herstellen“, empfiehlt der Fachmann und rät, Menschen in der Umgebung direkt anzusprechen. Sätze wie „Sie, in der blauen Jacke, helfen Sie mir, der Mann bedroht mich“ bauen eine Verbindlichkeit zwischen Opfer und Helfer auf.

Archivbilder

Schlägerei auf dem Bieberer Berg

Ist in diesem Moment niemand in der Nähe, kann es nützen, die Stimme zu erheben. „Wenn man still ist, denkt der Täter, er hätte das Heft in der Hand.“ Schreie verunsicherten den Angreifer, meint Weber. Ein weiterer Tipp ist, das aggressive Gegenüber zu siezen. Wer wegen Wut oder Angst ins Du verfällt, signalisiert, dass er den anderen kenne. Da sich die wenigsten Außenstehenden in ein Beziehungsdrama einmischen wollen, stehen die Chancen auf Hilfe schlecht.

Wie Opfer und Passanten einschreiten können, erklärt Weber regelmäßig in Seminaren zur Kampagne „Gewalt – sehen – helfen“. Wer lernen will, in brenzligen Situationen zu schlichten, kann den nächsten Kurs am Freitag, 4., und Samstag, 5. März, in der Volkshochschule, Berliner Straße 77, besuchen. Nach einer Besprechung üben die Teilnehmer Rollenspiele zum eigenen Schutz und dem anderer.

Der Präventionsexperte betont, dass es kein Patentrezept gegen Gewalt gebe. Jeder Fall sei anders. In meinem hat Lautstärke geholfen. Nachdem sich die Schockstarre aus den Knochen gelöst hat, brülle ich dem Peiniger „Hilfe!“ entgegen. Zwei Mal. Der Typ flieht mit seinem Fahrrad. Ich bleibe auf wackeligen Beinen zurück. Anmeldung unter 069/8065-2994 oder per E-Mail an daniel.krueger@offenbach.de

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