Schritt für Schritt zu mehr Lebensqualität

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Eine Einfassung, die der Baum längst gesprengt hat. Das ist in der Liebigstraße mehr als kleines Problem.

Offenbach - „Besser leben in Offenbach.“ Da ist langer Atem gefragt. Den hat zumindest Sabine Süßmann. Sie ist bei der Stadtwerke Holding verantwortlich für diese Initiative. Bevor sie aktiv wird, nimmt sie das jeweilige Quartier unter die Lupe. Das ist kein Spaziergang. Von Martin Kuhn

Treffpunkt Bahnunterführung, Anfang Februar. Es nieselt. Feuchte Kälte kriecht langsam in jede Ritze. Dennoch hat keiner gekniffen. Projektleiterin Sabine Süßmann - manche bezeichnen sie gern als Sauberfrau - bat zum Ortstermin. Das macht sie immer, wenn sie es in einem Wohnquartier etwas lebenswerter machen möchte. Unter anderem bibbern Stadtrat Paul-Gerhard Weiß, Hannelore Münster-Voswinkel, Sigrid Pietzsch (Bauamt), Frank Weber (Ordnungsamt), Oliver Gaksch (Stadtbetrieb ESO) und Peter Berthold (Schutzmann vor Ort) in der Bahnunterführung Senefelderstraße. An dem Morgen ist lediglich leichtes Arbeitsgerät angesagt: Klemmbrett und Digitalkamera. Es bleibt abzuwarten, was in den kommenden Wochen folgt. Geplanter Start ist im Mai.

Unschöne Schmierereien gehören zu den Dingen, die die Initiative „Schöner leben in Offenbach“ beseitigen möchte. Hier: die Post in der Marienstraße.

Es ist das fünfte Quartier, das sich Sabine Süßmann vornimmt mit einer Initiative, bei der die Stadt zwar mit ihrer hundertprozentigen Tochter Stadtwerke Holding eng zusammenarbeitet, aber keinesfalls Zuständigkeiten aufhebt. Das hört sich gut an. Im Rathaus gibt es allerdings eine weitere Definition: „Im Gegensatz zur Stadt hat die SOH das nötige Geld.“ Heißt: Wenn wir könnten, würden wir auch einiges bewegen. Fakt dürfte auch sein: Die Stadtwerke Holding ist nicht so eng in bürokratische Fesseln gebunden wie die kommunale Verwaltung – zumindest, wenn’s um vermeintliche Kleinigkeiten geht. Aber gerade diese brennen den Bürgern besonders unter den Nägeln.

Der erste Punkt beim Spaziergang: Parksituation in der Senefelderstraße. Auf der westlichen Seite stehen die Autos teilweise auf dem Gehweg. In der Tempo-30-Zone ist eigentlich vorgegeben, dass sie komplett auf der Straße stehen, um die Geschwindigkeit zu drosseln. Wenige beachten die Beschilderung. Abhilfe: Markierungen auf der Straße nachziehen, eventuell eine neue Beschilderung. Weiter geht’s am aufgegebenen MAN-Werk, Christian-Pleß-Straße. Bis das Gelände eine neue Nutzung erfährt („Senefelder-Quartier“), haben es Stadttauben übernommen. Ätzender Kot verschandelt die ohnehin in die Jahre gekommene Industrie-Fassade. Die Liegenschafts-Verwaltung dürfte demnächst einen Anruf erhalten.

Ein weiteres Überbleibsel des Druckmaschinen-Herstellers im Viertel regt die Phantasie von Hannelore Münster-Voswinkel an. Es ist der ehemalige Mitarbeiter-Parkplatz in der Gustav-Adolf-Straße, eingebettet in die Blockrandbebauung: „Ein idealer Ort für Kinder.“ Zumindest zeitlich begrenzt würde sie dort gern eine Spielfläche etablieren. Die Zuständigkeiten sind ebenfalls per Telefon abzuklären.

Der Bahndamm ist eigentlich ein ständiges Ärgernis. Allerdings hat die Stadt mit der Bahn einen etwas zähen Verhandlungspartner.

Die nächste Ecke, die nächste Aufgabe: Vor dem Tabaluga-Kinderhort in der Liebigstraße ist eine kleine Grünfläche, die eherHundetoilette und Abfallhalde ist: „Ein idealer Ort für eine Patenschaft, wie sie an anderen Stellen in der Stadt bereits funktioniert“, sagt Sabine Süßmann. Dieses Modell ist eine der Kernaufgaben von „Besser leben“. Es geht nicht nur um Verbesserung, sondern auch um Verschönerung. Eine etwas größere Investition dürfte für den Erhalt der Bäume fällig werden, die in der Liebigstraße für das wenige Stadtgrün in den Viertel sorgen. Teilweise fehlen Bäume, das Erdreich ist verdichtet durch parkende Autos, die Einfassungen teils zerstört. „Hier sollte überlegt werden, ob alle Grünstreifen umgestaltet werden können“, notieren die Protokollführer. Das wäre allerdings Aufgabe der Stadt.

Dann kommen die ehemaligen Monopolisten, Staatsbetriebe und Sorgenkinder: Post und Bahn. Leidvolle Erfahrung von Sabine Süßmann: Es dauert seine Zeit, bis sich die heute privaten Kolosse bewegen. Was alle stört, ist etwa die Umfriedung des Postzentrums Marienstraße. Die Mauern sind mit Graffiti oder Plakaten verunstaltet, Fahrradbügel demoliert. Da stehen zähe Verhandlungen ins Haus. „Wenn’s eine schafft, dann die Sabine Süßmann, die ist hartnäckig“, heißt es vielsagend beim Ortstermin. Da kann sie gleich bei der Bahn weitermachen. Der südliche Bahndamm mit seiner löchrigen Mauer ist ein dauerndes Ärgernis. „Wenigstens ist es hier mit den Hundehaufen nicht so schlimm“, unkt Frank Weber – und tritt keine zehn Meter weiter beinahe in einen satten Viertelpfünder. „Oh, da habe ich wohl falsch gelegen.“ Besser als falsch getreten. Abhilfe: ein Kontrolltag, entsprechende Beschilderung. Und an zentraler Stelle vielleicht ein Tütenspender.

Der könnte etwa an der Ecke Schäfer- / Herrmannstraße angebracht werden. Das unansehnliche Eck bedarf ohnehin einer Neuordnung: Auf dem kleinen Platz stehen eine defekte Telefonzelle, zwei Glascontainer des ESO, ein Altkleidercontainer und einige Schaltkästen. Eine Möglichkeit: unterirdische Glascontainer, wie sie etwa am Wilhelmsplatz montiert sind. Dass aber weit mehr im Argen liegt, schildert ein Ehepaar, das die Verwaltungsleute anspricht: „Es wird hier immer schlimmer, Lärm und Dreck.“ Es sprengt den Rahmen von Sabine Süßmanns Projekt. Es klingt eher wie ein verzweifelter Hilferuf. Schade, dass an diesem Morgen keine Politiker mehr dabei sind.

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