Schüler, Lehrer und Schulamt diskutieren über Stundenkürzungen

„Die Rechnung geht nicht auf“

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Schülerin Anh Truong, Schulamtsleiter Peter Bieniußa, Lehrer Martin Schweinsberg und Andre Veit von der SPD (von links) tauschen Meinungen aus.

Offenbach - Größere Kurse und mehr Frontalunterricht drohen den Schulen wegen der Stundenkürzungen, die das Kultusministerium in Wiesbaden plant. Aus diesem Grund hat die Stadtschülervertretung zur Podiumsdiskussion eingeladen. Von Rebecca Röhrich

Martin Schweinsberg, Lehrer und Oberstufenkoordinator an der Leibnizschule, sieht nicht glücklich aus. Im nächsten Jahr muss er entscheiden, welche Oberstufenkurse gestrichen werden. Im Zuge der vom Hessischen Kultusministerium (HKM) geplanten Kürzung der Stundenzuweisung für die Oberstufe hätten die Schüler an der Leibnizschule mindestens elf Stunden Unterricht in der Woche weniger zur Verfügung. Schweinsberg erzählt, dass er dann vermutlich den Leistungskurs Kunst streichen muss. Andere Kurse müsste er zusammenlegen. Dies bedeute weniger Grundkurse, höhere Schülerzahl und „ein Minus an Vielfalt“, macht der Lehrer deutlich.

„Umverteilung einzige Lösung“

Bei einem Termin, den die Stadtschülervertretung in der Leibnizschule zu dem Thema organisiert hat, diskutieren neben Schweinsberg Andre Veit, bildungspolitischer Sprecher der SPD, Peter Bieniußa (CDU), Leiter des Staatlichen Schulamts für Stadt und Kreis sowie Anh Truong als Vertreterin der Schüler die Entscheidung des HKM und ihre Folgen. Bieniußa hat dabei die undankbare Aufgabe, seinen obersten Dienstherrn, den hessischen Kultusminister Professor Dr. Alexander Lorz (CDU), zu erklären. Die vom HKM gesetzten Prioritäten wie der Pakt für den Nachmittag und der Zustrom der Flüchtlingskinder ließen keine Wahl. Das HKM habe nur ein bestimmtes finanzielles Kontingent zur Verfügung. Eine Umverteilung der Lehrkräfte sei deshalb die einzige Lösung.

Außerdem gebe es nicht weniger Unterricht, sondern weniger Kurse. Ein Argument, das wohl niemanden der Anwesenden so richtig überzeugt. Grundsätzlich können weder Schüler noch Lehrer in dem vollbesetzten Konferenzraum verstehen, warum das Geld für die Flüchtlingshilfe und für die Inklusion von den Schülern genommen werden muss. Auch konnte Bieniußa nicht überzeugend erklären, warum die Sozialindexstunden, die die Offenbacher Schulen vor drei Jahren aufgrund der hohen Zahl an Schülern mit Migrationshintergrund erhalten haben, sich nun mit der Unverteilung der Lehrer wieder reduzieren. Die Situation sei schließlich gleich geblieben.

Bieniußa wiederholt Kritik

Vor allem die Schüler, die sich derzeit in der Qualifikationsphase befinden, sehen ihre Zukunft, aber auch die Zukunft Hessens gefährdet. „Das Einzige, was mehr kostet als Bildung, ist keine Bildung“, bringt es der Kommentar eines Schülers aus dem Publikum auf den Punkt. „Die Rechnung des HKM geht nicht auf“, sagt auch die Vertreterin der Schüler auf dem Podium, Anh Truong. Sie ist überzeugt, dass künftig viel weniger Schüler Abitur machen werden. Bei Kursen mit mehr als 30 Schülern würden zwangsläufig „einige hinten runter fallen“. Bieniußa blieb als Antwort nichts anderes übrig, als die Verantwortlichkeit ans HKM zu verweisen. Neben den inhaltlichen Aspekten ist auch die Demonstration vergangene Woche Thema der Diskussion. 700 Schüler hatten vor dem Offenbacher Rathaus gegen Kürzungen demonstriert.

Protest gegen Lehrer-Umstrukturierung: Fotos 

Bieniußa wiederholt seine Kritik daran, dass die Schüler während der Unterrichtszeit demonstriert hätten, und erfährt dafür nicht nur Widerspruch von Stadtschulsprecher Yusef Muhammad: „Ich kenne keinen Arbeitnehmer, der außerhalb seiner Arbeitszeit demonstriert.“ Dafür erntet er Beifall und Zuspruch vom Schulelternbeirat. „Wir sind sehr beeindruckt von dem Engagement der Schülervertreter und der Schüler“, sagt Beiratsvertreterin Dolunay Buzcu. Besser könne man Demokratie und politisches Engagement nicht lernen. Hibba Kauser, stellvertretende Schulsprecherin am Leibnizgymnasium, freut sich, dass die Podiumsdiskussion stattgefunden hat. Sie und ihre Mitstreiter haben bereits Kontakt mit dem Kultusministerium aufgenommen. Und sie sind zuversichtlich, im nächsten Jahr mit Kultusminister Lorz nochmals über die Kürzungen an den Oberstufen diskutieren zu können.

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