Schülerinnen wollen noch mehr Echtheit

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Die Klasse ZF1B (zahnmedizinische Fachangestellte) der Theodor-Heuss-Schule besuchte mit Lehrer Steffen Trach die Ausstellung „Körperwelten“.

Offenbach ‐ „Also, wie echte Menschen sieht das nicht aus“, sagt Natascha Ruhl. Enttäuschung schwingt in der Stimme der 18-jährigen Schülerin mit. Ihre Klassenkameradin Sabine Schlendermann wirft nochmal einen Blick auf freiliegende Gedärme. Ihr Resümee ist positiver: „Das ist heute eine richtig gute Biologiestunde gewesen.“ Von Veronika Szeherova

Die Klasse ZF1B (zahnmedizinische Fachangestellte) der Theodor-Heuss-Schule besuchte mit Lehrer Steffen Trach die Ausstellung „Körperwelten“. Die Idee dazu stammte von den Schülerinnen selbst. „Wir müssen die komplette Anatomie lernen, nicht nur im Kieferbereich“, sagt Sandra Ferlazzo. „Dann ist es doch gut, wenn man sich das alles mal in echt anders anschauen kann und nicht nur im Buch.“ Inka Becker ergänzt: „Wenn wir die letzte Anatomieklausur jetzt nochmal schreiben dürften, hätten wir alle eine Eins.“

Den Erwartungen der 20 jungen Damen entsprach die Ausstellung nur teilweise. „Es wird so viel Werbung überall gemacht, dafür hätte es ruhig etwas mehr sein können“, moniert Marilena Zitoli. In einer Stunde war die Klasse fertig. „Ich habe erwartet, dass es größer ist und mehr zu sehen gibt“, so die 19-Jährige. Die meisten Schülerinnen sind der Meinung, dass dafür der Eintrittspreis viel zu hoch ist. „Ich kenne Leute, die sich dafür interessieren, aber deswegen nicht herkommen“, sagt Sandra Ferlazzo. „Für uns Schüler ist das ein halbes Vermögen.“ Ermäßigte Karten kosten 15 Euro, für eine Gruppenkarte ab zehn Personen zahlt jeder neun Euro.

Beschreibung wäre gut gewesen

Ethische Bedenken, die Ausstellung zu besuchen, hatte die medizinisch vorgebildete Klasse nicht. Nur die Deutschlehrerin habe sich geweigert mitzukommen, schmunzeln die Mädchen. Wirtschaftslehre- und Mathelehrer Steffen Trach hatte dagegen kein Problem damit, die Klasse zu begleiten. „Meine Schülerinnen haben Bezug zum Herz wie zur Raucherlunge“, sagt er augenzwinkernd. Der Lehrer war auch schon bei der Körperwelten-Ausstellung vor einigen Jahren in Frankfurt. „Ich finde es sehr interessant, weil man sich hier Sachen anschauen kann, die man sonst nur vom Hörensagen kennt.“

Unangenehm oder ekelhaft fanden die angehenden zahnmedizinischen Fachangestellten das Gesehene nicht. „Es war sehr spannend, erst recht die Entwicklungsstadien der Babys“, lobt Maria Gazani. Doch lieber nicht so genau hingeschaut hat die 21-Jährige bei der Raucherlunge und einem Kopf, der in der Mitte aufgeschnitten war. „Den fand ich heftig, weil man den Mann noch genau erkennen konnte.“ Die Klassenkameradinnen stimmen ihr zu.

Doch ansonsten hätten sie sich mehr „Echtheit“ gewünscht. Viel zu künstlich schienen ihnen die Exponate. Eine Schülerin bezweifelte sogar ihre Echtheit. Einige vermissten außerdem die Information, wie alt der ausgestellte Mensch geworden ist und woran er starb. „Eine Beschreibung davon, wie Plastination funktioniert, wäre gut gewesen“, meint Sabine Schlendermann. Insgesamt findet sie die Ausstellung jedoch sehr lehrreich. Auch die verschiedenen Posen der Körper erscheinen ihr legitim. „Für Menschen ohne medizinisches Vorwissen ist das so optimal.“ Marline Zitoli legt noch einen drauf: „Noch besser fände ich, wenn man das alles auch mal anfassen dürfte.“ Ihre Zusammenfassung daher: „Die Idee ist gut, die Umsetzung weniger.“

Eindruck von Größe, Struktur und Form

Anfassen erlaubt war am Abend vorher für eine Gruppe von 25 blinden und sehbehinderten Menschen. Sie bekamen eine Sonderführung. „Es ist für alle ein sehr emotionaler Moment, wenn die Blinden sich hier zum ersten Mal einen Eindruck davon machen können, wie der Körper aufgebaut ist“, schwärmt Ausstellungs-Sprecher Alexander Reinhard. Die Plastinate seien durch das spezielle Verfahren zwar sehr robust. „Aber wenn sie von zu vielen Menschen kräftig angepackt werden, ist das natürlich auch nicht gut“, so Reinhard.

Die Blindenführung soll einen Eindruck über die Größe, Struktur und Form der Organe, Muskeln und Sehnen verschaffen, weniger das „Originalgefühl.“ Einfach deswegen, weil die plastinierten Organe viel härter sind als „in Natura“. Die nächste Blindenführung: Sonntag, 6. Juni.

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