„Schule für alle“ kostet Millionen

Offenbach (psh) - Vor drei Jahren trat die UN-Konvention in Kraft, die die Abkehr vom derzeitigen Sonderschulsystem vorschreibt. Gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung, die Inklusion, soll der Regelfall werden - ein fundamentaler Wandel, der die allgemeinen und beruflichen Schulen vor große Herausforderungen stellt.

Auch in Hessen zeichnet sich immer deutlicher ab: Das wird teuer. Nach einer Studie des Bildungsforschers Klaus Klemm würde Inklusion bundesweit 660 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich kosten. Unterm Strich müssten nämlich mehr als 9300 Lehrer neu eingestellt werden, um die Pläne innerhalb des kommenden Jahrzehnts umzusetzen, ergab die im Auftrag der Bertelsmann Stiftung erstellte Studie. Demnach benötigt allein Hessen 380 zusätzliche Lehrerstellen; Kosten: 27 Millionen Euro.

Und der Druck auf die Schulpolitiker ist deutlich gewachsen. Derzeit gibt es in Deutschland knapp eine halbe Million verhaltensauffällige, lern- oder körperbehinderte Schüler, die besonderen Förderbedarf haben. Bundesweit stieg der Anteil der inklusiv unterrichteten Förderschüler im Schuljahr 2010/2011 im Vergleich zum Vorjahr von 20,1 auf 22,3 Prozent, so die Studie.

„Klare Aussagen“ der Politik

Die betroffenen Eltern fordern „klare Aussagen“ der Politik. Noch ist das Projekt in Hessen noch nicht endgültig „abgesegnet“. Wahrscheinlich im Mai soll eine Verordnung der Landesregierung Wegweisendes festlegen. An dem Entwurf sind 93 Verbände, unter anderem von Lehrern und Eltern, beteiligt worden. Bis zum endgültigen Votum wird heftig gestritten. Kultusministerin Dorothea Henzler betonte auch gestern, dass „Hessen auf einem guten Weg“ sei. Nach ihren Angaben besuchten in Hessen 95, 6 Prozent aller Kinder und Jugendlichen die allgemeine Schule – dieser Prozentsatz werde in kaum einem anderen Bundesland erreicht. „Ziel ist es, die Förderschulbesuchsquote in Hessen in den nächsten Jahren noch weiter von 4,4 auf 4 Prozent abzusenken“, versicherte Hessens Schulministerin. Die 124 Beratungs- und Förderzentren, die Einrichtungen der Sprachheilambulanz und die dezentrale Erziehungshilfe bildeten eine sehr gute Basis, „um eine inklusive Schulkultur zu entwickeln“, sagte die Ministerin.

Erstaunlich heftiger Widerstand kommt aber jetzt von den Kreis- und Stadtelternbeiräten. Sie haben die Umsetzung der UN-Konvention an Hessens Schulen schon mehrmals scharf kritisiert und den Entwurf der sogenannten Umsetzungsverordnung abgelehnt. Die Kritiker mahnen, dass sich die Qualität der Förderung und des Unterrichts insgesamt verschlechtern werde, sollte nicht mehr Personal zur Verfügung gestellt werden.

Modellprojekte zeigen eine mögliche Zukunft

Während Verbände und Schulpolitiker intensiver denn je streiten, zeigen Modellprojekte in der Region auf, „wo die Reise hingehen könnte“. So gibt es bereits seit dem Schuljahr 2008/2009 an vier Grundschulen in Obertshausen und Mühlheim den Schulversuch „Begabungsgerechte Schule“. Kultusministerin Henzler sagte gestern bei einem Besuch der am Projekt beteiligten Waldschule in Obertshausen: „Dieser Schulversuch hat bereits gezeigt, dass multiprofessionelle Teams mit Grundschul- und Förderschullehrkräften sowie Sozialarbeitern den Blick auf das einzelne Kind verändern und damit sehr frühzeitig bei auftretenden Lernschwierigkeiten intervenieren können.“ Nun ist es nach Angaben Henzlers wichtig, den Übergang der Schüler von der vierten Klasse der Grundschule im Schuljahr 2013/2014 in die Sekundarstufe I vorzubereiten. Die positiven Erfahrungen aus der „Begabungsgerechten Schulen“ sollen für alle Schulen im Kreis Offenbach genutzt werden. Der Kreis soll neben Wiesbaden die zweite Modellregion Inklusion in Hessen werden. Die Vorbereitungen sind angelaufen. Bis Ende September soll eine mit den Schulen und dem Kreis abgestimmte Konzeption vom Schulamt vorgelegt werden.

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Günter Kaspar, engagierter Leiter der Waldschule, gab den „Modellentwicklern“ im Kreis Offenbach bereits einen wichtigen Rat: „Die Haltung einer Schule zum Umgang mit behinderten Menschen kann man nicht verordnen oder bereitstellen - diese Haltung muss jede Schule für sich erarbeiten.“

Rubriklistenbild: © dpa

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