Mehr Platz für mehr Kinder

Offenbach - Angesichts nackter Zahlen drängt sich der Eindruck auf, die Offenbacher hätten sich heillos mit ihrem Großprojekt Schulsanierung verhoben. Von Thomas Kirstein und Frank Pröse

250 Millionen Euro hatte die Stadtverordnetenversammlung mit einer breiten Mehrheit über die damalige Ampelkoalition hinaus für die grundlegende Erneuerung der 27 Offenbacher Schulen genehmigt.

Längst ist klar, dass das Geld bei weitem nicht reichen wird. Nach Mitteilung des Regierungspräsidiums in Darmstadt ist ein Nachschlag von 84 Millionen Euro angemeldet worden. Diese Dimension - ein Drittel mehr - lässt die oppositionelle CDU - zumal in OB-Wahlkampfzeiten - nicht ruhen. Das Projekt habe zwar von Anfang an die Zustimmung seiner Partei gefunden, sagt CDU-Kandidat Peter Freier. Eine derartige Verteuerung sei aber nicht hinnehmbar.

Oberbürgermeister Horst Schneider (SPD) und Stadtkämmerer Michael Beseler begründeten gestern die Mehrkosten mit mehreren Faktoren: allgemeine Baukostensteigerung seit 2006, energetische Optimierung auf den so genannten Passivhausstandard, zusätzliche Einrichtungen für die Ganztagsfähigkeit (Cafeterien, Betreuungsräume, Aufenthaltsräume), Reduktion der Klassenstärke, Container für Interimsunterbringung, zusätzlicher Raumbedarf wegen zusätzlicher Kinder.

Letzteres erfordert eine weitere Schule. Die soll allein 29 Millionen Euro kosten (enthalten in den Mehrkosten) und im Hafen gebaut werden. Denn Offenbach stirbt keineswegs aus, im Gegensatz zum Rest der Republik gibt es hier mehr Kinder. Bürgermeisterin Birgit Simon (Grüne) hat Zahlen: 2006, als das Sanierungsprogramm aufgelegt wurde, galt es 1160 Kinder einzuschulen, 2010 waren es 1240. Tendenz steigend.

Zusätzliche Dämmung wegen zunehmenden Fluglärms

Ganztagsbetreuung und kleinere Klassen sind spätere gesetzliche Vorgaben, mithin von der Stadt nicht einplanbar. Den teureren Passivhausstandard bei Neubauten leistete sie sich hingegen freiwillig, wohl auf Druck der Grünen. Allerdings, so erklärt OB Schneider, wäre zusätzliche Dämmung wegen zunehmenden Fluglärms ohnehin notwendig geworden. Eine generelle Baukostensteigerung habe man in die groben Schätzungen des Jahres 2006 einfließen lassen können: „Das wäre ja ein Signal für den Markt gewesen, gleich was draufzusatteln.“ Die durchs bundesweite Konjunkturprogramm angekurbelte Nachfrage habe dann die Baukosten zusätzlich nach oben getrieben.

Was noch dazu kommt: Es hat sich die Hoffnung zerschlagen, auf dem Buchhügel eine gemeinsame Sporthalle für Berufsschulzentrum und neues Polizeipräsidium bauen zu können. Und weil auch bislang aus einer neuen Schule auf dem als Wohnareal erträumten MAN-Gelände nichts geworden ist, sind kostspielige Containerdörfer als Ausweich-Lehrquartiere für abgerissene oder umzubauende Schulen nötig.

Details zu den Größenordnungen der jeweiligen Positionen will Kämmerer Beseler noch nicht nennen. Er sagt aber, die Stadtverordneten seien hinsichtlich der Mehrkosten einzelner Projekte immer informiert gewesen. Neu sei eigentlich nur die Addition seitens des RP.

Der Redaktion liegt eine städtische Liste von Anfang Juli vor, der zu entnehmen ist, wie sich die Bau- und Sanierungskosten für die einzelnen Schulen entwickelt haben. Darunter sind auch Objekte, die billiger werden als ursprünglich vorgesehen. Bei den meisten jedoch sind teils kräftige Zuschläge in Millionenhöhe nötig - acht etwa bei der Beethovenschule, 3,3 bei der Geschwister-Scholl-Schule. Mit Interesse werden nun Angaben des Magistrats zu den jeweiligen Ursachen erwartet.

Rubriklistenbild: © pixelio.de/Dieter Schütz

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