„Schulfach, Glück wäre ein gutes Ziel“

Offenbach - Die Bundesregierung will mit mehr Aufklärung und Beratung Sucht eindämmen. Wo sollte Prävention ansetzen? Unser Redaktionsmitglied Peter Schulte-Holtey fragte bei Rainer Ummenhofer nach. Er ist Fachberater im Suchthilfezentrum Wildhof in Offenbach und Dietzenbach.

Jugendliche greifen seltener zur Flasche, zur Zigarette oder zum Joint. Ist die Suchtprävention also auf einem guten Weg?

Ja, sie wirkt gut, wenn sie einen Einfluss hat, wie teuer Zigaretten sind. Wichtig ist auch, dass Zigarettenautomaten eine Alterskontrolle haben müssen, dass Schulen und Gaststätten rauchfrei geworden sind. Gerade Tabak hat stark das frühere „coole“ Image verloren, da spielen mit Sicherheit auch die Werbeeinschränkungen ein Rolle. In Richtung Einschränkung könnte noch viel mehr passieren, denn für schädliche Substanzen und Verhaltensweisen sollte nicht auch noch massiv geworben werden. Aber „Image“ ist ein Ergebnis von gesellschaftlichen Strömungen und deshalb nicht einfach „machbar“, also auch nicht allein ein Ergebnis der Suchtprävention.

Experten fordern verstärkte Kontrollen und Sanktionen. Ist das der richtige Weg?

Denken Sie an das Alkoholverbot, die Null-Promillegrenze für Fahranfänger: Dieses Gesetz hat sicher schon viele Leben gerettet. Die meisten Jugendlichen nehmen das ernst. Aber es braucht auch Kontrollen, damit der Respekt vor solch einem Gesetz erhalten bleibt, damit die Jugendlichen auch wahrnehmen: ja, das wird auch wirklich überprüft. Ich muss mich daran halten, wenn ich den Führerschein behalten will. Kontrollen gibt es beim Alkoholverkauf oder beim Alkoholausschank fast gar nicht. Deshalb würden Testkäufe und Sanktionen hier sicher etwas bewirken. Jugendliche selbst finden Kontrollen und Sanktionen gut: kaum ein 18-Jähriger findet es gut, wenn an 12-Jährige Alkohol verkauft wird. Natürlich müssten die Jugendlichen für Testkäufe gut geschult werden und begleitet sein. Aber das würden wir als Fachstelle für Suchtprävention auch machen.

Was sollte im Beratungsbereich verbessert werden?

Meine Kollegen in der Sucht-Beratung sind überlastet. Wir machen große Anstrengungen, dass Beratungstermine auch kurzfristig möglich sind. Damit sind wir an einer Belastungsgrenze angekommen. Ich weiß, dass die öffentlichen Haushalte keinen Cent zusätzlich zur Verfügung haben. Aber man braucht mehr Geld, um das derzeitige Hilfesystem zu erhalten.

Und die Schulen?

Sie sollten ein Ort werden, an dem es nicht nur messbare Lernleistungen geht, sondern eher um „Lebenskompetenzen“. Kinder und Jugendliche brauchen die Botschaft, dass es im Leben nicht nur auf Wissen, Effizienz und Effektivität ankommt. Ein „Schulfach Glück“ wäre ein gutes Ziel, ein fester Standard für die Vermittlung von Lebensfreude und sozialer Kompetenz in der Schule. Wir arbeiten in der Suchtprävention mit einem Plakat, auf dem steht: „Sich selbst zu akzeptieren kann man trainieren“. Aber wo wird das trainiert?

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