Schulschwänzers letzte Chance

Offenbach ‐ Wie ihre Kandidaten heißen, das war einfach herauszufinden. Das stand in den Akten. Aber wo sie die Siebt- und Achtklässler finden sollen, falls die nicht mitspielen wollen beim vor drei Wochen an Offenbacher Hauptschulen gestarteten Projekt „Jugend stärken“, das wird noch eine spannende Frage. Von Marcus Reinsch

Schulschwänzers Natur ist es ja nun mal, selten dort zu sein, wo er sein soll.

Guten Mutes sind Alexandra Pleß (Geschwister-Scholl-Schule), Vanessa Schambil (Mathildenschule), Frank Wiehe (Bachschule) und Bernd Cölsch (Ernst-Reuter-Schule) trotzdem. Als eigens für das zunächst auf drei Jahre befristete Programm eingestellte Psychologen, Sozialarbeiter, Sozialpädagogen stehen sie für den ambitionierten Versuch, die meist katastrophalen Bildungsbiografien Offenbacher Unterrichtsverweigerer doch nochmal zu drehen. Und auch die solcher Schüler, die zwar körperlich anwesend, geistig aber weit weg sind.

Einfache Gleichung: Lässt sich der von Lehrern mangels Zeit nur schwer erreichbaren Klientel die Schule wieder schmackhaft machen, wird es vielleicht auch weniger Schulabbrecher geben. Nötig wär‘s: Von den 418 Offenbacher Hauptschülern des Jahrgangs 2008/2009 verließen 97 die Schule mit nichts in der Tasche als der Aussicht auf eine Hartz-IV- oder eine noch traurigere Karriere. Abschlüsse? Fehlanzeige.

Nicht, dass es bisher keine Anläufe gegeben hätte, notorische Schulschwänzer wieder zu integrieren. Regelmäßig fährt in Absprache mit Schulen und Staatlichem Schulamt die Polizei los, um nur durch Abwesenheit glänzende Hauptschüler aufzustöbern und der Schule „zuzuführen“. Und so werde das auch bleiben, versichert Jugendamtschef Hermann Dorenburg, der in der Wahl der Mittel keinen Widerspruch sieht. Denn Zwang werde nie ausgeübt, ohne den Schülern dann auch Hilfsangebote zu machen.

Zum anderen kann auch das „Jugend stärken“-Programm bei weitem nicht alle unter seine Fittiche nehmen, die es nötig hätten. An der Mathildenschule beispielsweise musste die Zielgruppe statistisch geschrumpft werden, um den Rahmen nicht zu sprengen. Nachdem alleine von dieser Schule mehr als 20 Schüler nominiert worden waren, stehen nun notgedrungen nur noch solche auf der Liste, die im ersten Halbjahr 2010/11 mindestens 40 Fehltage hatten. Das sind immer noch zehn, sieben davon Mädchen. An der Bachschule sind drei Mädchen und fünf Jungs im pädagogischen Visier, an der Reuter- Schule fünf Mädchen und sechs Jungs, an der Scholl-Schule fünf Mädchen und vier Jungs.

Macht 38 Schulschwänzer, denen die neuen Streetworker zuerst zugute kommen soll. Erstmal bei einer vor allem dem Kennenlernen und der Selbsterkenntnis zugedachten Projektwoche in einem Jugendzentrum, dann im Idealfall wieder in der Schule. Die Pädagogen forschen vor allem den Gründen fürs Schwänzen nach. Einigen sind sie schon auf der Spur. Sie reichen von „einfach keinen Bock“ bis „zu früh zu viel Bock“ - also 15 und schwanger.

Rubriklistenbild: © dpa

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