Schulsprecher tritt zurück

Integration gescheitert? Nicht nur Falafel-Rezepte

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Schulsprecher Max Moses Bonifer tritt zurück, weil er Opfer von antisemitischen Anfeindungen geworden ist: Die Integration sei gescheitert. Vertreter von Stadt, Ausländerbeirat und jüdischer Gemeinde widersprechen. Trägt seine Religion offen zur Schau und wird deshalb bedroht: Max Moses Bonifer mit Davidstern-Armband.

Offenbach - Max Moses Bonifer zeigt gern, wer er ist. Er hält Meinungen nicht zurück, er diskutiert, provoziert bisweilen bewusst. Politisches Engagement ist ihm ebenso wichtig wie Religionsfreiheit. Von Eva-Maria Lill 

Als Jugendlicher entdeckt der 18-Jährige die Konfession seiner Mutter für sich. Auch in diesem Zusammenhang ist er kein Freund leiser Gesten: Auf seinem Kopf sitzt die traditionelle Kippa, am Handgelenk baumelt ein Davidstern-Anhänger. Als er in der Redaktion zum Gespräch erscheint, holt er aus dem Rucksack einen jüdischen Gebetsschal. Das Preisschild klebt noch daran. „Ich bin mit zwei Freundinnen über den Wilhelmsplatz gelaufen und wurde von muslimischen Jugendlichen bedroht“, erzählt der gebürtige Offenbacher, der seit Kurzem in Mühlheim lebt. Religiöse Beschimpfungen seien an der Tagesordnung, hätten sich mit der Eskalation des Gaza-Konflikts noch zugespitzt. Bonifer hat genug von pöbelnden Jugendlichen und legt das Amt des kommissarischen Stadtschulsprechers zum 1. Dezember nieder: „Ich kann und will eine antisemitische Jugend nicht weiter vertreten.“

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Seit vorgestern steht sein Mobiltelefon selten still: „Ich werde ununterbrochen angerufen, habe mehr als 200 Nachrichten auf Facebook bekommen. Überregionale Medien fragen ebenfalls an.“ Er wundere sich über das Interesse, sagt Bonifer. Auch rechtsextreme Gruppierungen wollen ein Interview. In diese Schublade will der Schüler aber nicht: „Ich verurteile ja nicht den gesamten Islam.“ Sein Kurs schlägt unerwartet hohe Wellen, vor allem, da er zum Rundumschlag gegen die kommunale Integrationspolitik ausholt: „Die Mehrheit der muslimischen Jugend ist nicht integrierbar. Schuld daran ist die Stadt.“ Der Magistrat sei vielmehr an Imageaufwertung interessiert, bebaue munter den Hafen, während sich Juden zunehmend muslimischen Hasstiraden gegenüber sähen. Bonifers Idee: rigidere Regeln. „Die, die nicht wollen, haben zu wollen“, so der Ex-Stadtschulsprecher. „Die Stadt feiert lieber Feste, als direkt in die Familien zu gehen und Probleme zu lösen.“

Integrationsdezernent Dr. Felix Schwenke ist im Gespräch hörbar empört: „Wir tauschen mit der muslimischen Gemeinde ja nicht bloß Falafel-Rezepte aus, sondern bemühen uns offensiv um gelungene Integration.“ Besonders vehement argumentiert er gegen den Vorwurf des Image-Blendens. „Wir haben zwei interkulturelle Feste im Jahr. Diese mit Integrationspolitik gleichzusetzen, ist schlichtweg falsch.“ Jugendarbeit, Weiterbildungen und Diskussionsrunden seien an der Tagesordnung und trügen erkennbar Früchte. Gern ist Schwenke dazu bereit, das Gespräch mit Bonifer zu suchen: „Ich möchte den Vorfall keinesfalls bagatellisieren“, betont der Politiker, „solche Übergriffe sind ernstzunehmen. Mir ist es allerdings unbegreiflich, weshalb Bonifer persönliche Erfahrungen zu einem allgemeinen Angriff auf die Integrationspolitik ausweitet.“ Denn der Maßstab des Ex-Stadtschulsprechers sei utopisch: „Eine Gesellschaft, in der es niemals zu Beleidigungen und Drohungen kommt, gibt es nicht.“

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Auch Abdelkader Rafoud, Vorsitzender des Ausländerrats, verurteilt die Vorfälle: „Das, was Herrn Bonifer geschehen ist, ist wirklich schlimm. Allerdings bemerken wir keine erhöhte religiös motivierte Aggression in der Stadt. Man muss aufpassen, dass aus persönlichen Erfahrungen keine Allgemeinplätze abgeleitet werden. Denn viele Muslime haben ihre Koffer in der Stadt gern ausgepackt.“ Rafoud lädt Bonifer zur Sitzung am 12. Dezember um 19 Uhr ins Rathaus ein: „Dort sind auch Vertreter der muslimischen Gemeinden anwesend. Wir müssen diskutieren – und das eben nicht bloß mit Hilfe regionaler Medien.“

Im Gespräch sieht auch Professor Alfred Jacoby von der Jüdischen Gemeinde den notwendigen ersten Schritt. „Die Lage spitzt sich durch den Gaza-Konflikt zu. Allerdings ist das nicht allein Aufgabe der Kommunalpolitik, sondern eine globale Angelegenheit und ein Fall für den persönlichen Dialog.“ Bald findet eine Integrationsreise der Gemeinde nach Israel statt – gemeinsam mit muslimischen Vertretern. Diese Gelegenheit möchte Jacoby nutzen, um die Verbindung der beiden Religionen in der Stadt zu stärken: „Es gibt schwere, offene Wunden, die jedoch nur zusammen behandelt werden können.“

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