Rumpenheimer und Bürgeler Kiesgruben

Schultheisweiher: Eine ungewöhnliche Balance

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Postkartenidylle bietet der kleine See im Mainbogen zu jeder Jahreszeit. Das dazugehörige Naturschutzgebiet ist heute insgesamt 27 Hektar groß (11 Hektar Wasserfläche, 16 Hektar Landfläche), der See selbst maximal 3,10 Meter tief.

Offenbach - Die Rumpenheimer und Bürgeler Kiesgruben sind eine Erfolgsgeschichte. Rückschläge gab’s gewiss, doch scheint im Naturschutzgebiet alles in Ordnung zu sein. Und während sich die Offenbacher sonst mal auf die Füße treten – am Schultheisweiher wird Toleranz gelebt. Von Fabian El Cheikh

Wo Mensch und Tier gemeinsam baden gehen, wo knappem Schwimmdress letzte Geheimnisse gerade noch zu bewahren gelingt und textilfreie Offenbarungseide geleistet werden, wo Teichrallen Rast finden und Eisvögel überwintern, Radfahrer Spaziergängern zur Seite weichen und Flieger beinahe lautlos am Himmel vorbeiziehen – dort muss Offenbach eine Idylle sein. „Eine, die uns allen sehr am Herzen liegt“, wie die rot bekleidete Frau mit dem Zopf zu berichten weiß. .

In dieser friedlichen Oase hatte sich Olli eigentlich auf einen erholsamen Badetag gefreut. Der Schwan, der unserer Zeitung seinen richtigen Namen nicht verraten will, ist der einzige Badegast an diesem wolkenverhangenen Nachmittag. Einsam watschelt der weiße Riese gemächlich durch den frisch gesiebten, glatt gestrichenen Sand. Er wundert sich über die unerwartet vielen Menschen, die die Leiterin des städtischen Umweltamts zu der großen Schautafel manövriert, die Aufschluss gibt über die Größe der Offenbacher Riviera, über das urbane Natur- und Vogelschutzgebiet und die Regeln des Miteinanders, die es im Interesse aller dort zu beachten gilt.

Nutria Lukas schwimmt am Ufer

Ein paar Meter vom Ufer entfernt schwimmt Lukas. Einst war seine Art Stammgast, jetzt ist sie am Weiher kaum noch zu beobachten. So zieht der Nutria die Blicke seltener und regelmäßiger Besucher des Schultheisweihers auf sich. Auch das Wasser hat unser Schwan Olli also an diesem Donnerstag nicht für sich allein.

Die vielen Zweibeiner, die sich heute so sehr für die gefiederte und mit Fell bekleidete Fauna interessieren, wagen sich indes nicht ins Wasser. Zum Baden sind sie auch gar nicht gekommen, wie Lukas und Olli erleichtert feststellen. Sondern um zu feiern, was Höckerschwan und Nutria, Rebhuhn und Graureiher, Haubentaucher und Kormoran erst zu Nachbarn an diesem in Offenbach einzigartigen Ort gemacht hat.

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1983 war das Jahr, in dem der entscheidende Antrag und damit die Weichen gestellt wurden, in deren Folge sich das vermüllte und vernachlässigte Industrieareal in ein Naherholungs- und Naturschutzgebiet verwandelte. Allein schon diese erstmals in Hessen gewagte Symbiose von Mensch und Tier ist dreißig Jahre später als Erfolgsgeschichte zu bezeichnen. Behutsame Veränderungen von Menschenhand haben in einer Art „Terraforming“ aus der Kiesgrube der einstigen Firma Schultheis einen ebenso reizvollen wie reizbaren Badesee entstehen lassen.

Seen trotz Hitze noch nicht gekippt

Dass dieser trotz der Hitze dieses Sommers nicht gekippt ist, dass anders als in früheren Jahren keine gefährlichen Blaualgen gewachsen sind, sorgt nicht nur bei Olli und Lukas für große Erleichterung. Auch die Mitglieder des Magistrats, der Stadtverordnetenversammlung, der zuständigen Behörden sowie des Naturschutzbeirats und der Kommission für Umweltschutz, die Vertreter des Landes und der Regierungspräsident Johannes Baron zeigen sich darüber erfreut.

„Das ist ein Verdienst von sehr vielen, auch ehrenamtlich tätigen, Menschen, denen es in beachtenswerter Weise gelungen ist, Mehrfachnutzungen zu vereinbaren“, hört Olli Heike Hollerbach durchs Mikrofon sprechen. „Wir haben die Belange des Naturschutzes und die Ansprüche der Angler, Badegäste, Modellbootfahrer und Windsurfer unter einen Hut gebracht, was am Anfang nicht ohne heftige Konflikte ablief.“ Jede Interessensgruppe hatte seinerzeit Angst, am Ende der Umwandlung als Verlierer dazustehen.

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Doch Verlierer gibt es keine am Schultheisweiher, nur Gewinner. Mit einer Ausnahme vielleicht, wie Helmut Teichmann-Kucharskis vom Umweltamt, Projektleiter der Sanierung, ergänzt: „Der asiatische Graskarpfen wurde ausgemerzt.“ Die waren vor 15 Jahren mal eingesetzt worden, um die im nährstoffreichen Wasser fleißig wachsenden Pflanzen abzufressen. „Die machten es unmöglich, zu baden oder die Angel ins Wasser zu werfen.“

Gute Balance

Die Asiaten, die von den Hechten und anderen heimischen Raubfischarten nie behelligt wurden, leisteten ganze Arbeit. Die Folge des Experiments: „Der See kippte, wir haben die Muschelpopulation verloren, und es kam zum Fischsterben.“ Heute dagegen dürften sich die gefiederten Freunde von Olli, der sich zwischenzeitlich neugierig der Menschengruppe genähert hat, über ein gesundes, altersmäßig bestens durchmischtes, leckeres Fischvorkommen hermachen. Genauso die Angler.

Gemäht wird das Seegras inzwischen von Menschenhand. „Doch im Moment ist das gar nicht nötig, der Weiher ist ausgesprochen gut in Balance.“ Dass es so bleibt, darauf achten tagtäglich das Team von Teichmann-Kucharskis und der Schutzgebietsbeauftragte Klaus Fiedler. Olli und Lukas bekommen von den Anstrengungen der Zweibeiner für ihre Umwelt indes nicht viel mit. Lukas zieht nach einem kurzen Strandausflug schon wieder seine Bahnen. Und gerade stürzt sich auch Olli in die frischen Fluten.

Chronologie des Schultheis-Weihers

  • 1929: Die Firma Schultheis beginnt, Sand und Kies zu gewinnen. Nach dem Krieg herrscht verstärkte Nachfrage nach Rohstoffen, erst in den 60er Jahren wird der Kiesabbau eingestellt
  • 1975: Behörden untersagen, die ausgebaggerten Flächen mit Bauschutt und Abfällen zu verfüllen Ende der 70er: Ein See von 20 Hektar Größe ist entstanden, der im Volksmund „Schultheis-Weiher“ genannt wird. Das Fechenheimer Chemiewerk Cassella übergibt das Gelände an den Umlandverband Frankfurt. Durch die günstige Lage in der Mainaue, einem klassischen Rast- und Durchzugsgebiet nordeurasischer Sumpf- und Wasservögel wird der Weiher zu Raststation und Winterquartier für viele Zugvögel
  • 1981: Der Umlandverband und die Stadt Offenbach leiten die Entwicklung zu einem Erholungs-, Natur- und Landschaftsschutzgebiet ein 1983: Ausweisung zum Naturschutzgebiet durch das Regierungspräsidium Darmstadt
  • 1987: Giftige Sickerwässer treten am Badestrand aus, der Badesee wird gesperrt. Das Problem wird durch Einbau einer Drainage und regelmäßige Überwachung behoben.
  • Ende der 90er: Blaualgen treten erstmals auf
  • 2003: Der Jahrhundertsommer führt zu großem Fischsterben – erneutes Badeverbot
  • 2006: Die Stadt beschließt die fünfjährige Sanierung. Derzeit läuft das dreijährige Monitoring (Graskarpfen, Kühlschränke, alte Fahrräder, Metall und 3 Tonnen Fischmasse werden entfernt; Wege und Plätze neu gestaltet)
  • 2008: Der Schultheis wird ins europäische Vogelschutzgebiet und das Netz Natura 2000 aufgenommen

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