Schultheisweiher

Am Ende bleibt ein Moor

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Einer ausgewählten Gruppe gewährt die Stadt Zugang zum Naturschutzgebiet Schultheisweiher und somit einen seltenen Blickwinkel auf den See.

Offenbach - Wehe, da spricht noch einer von Häppchen-und Sekt-Journalismus: „Bitte rüsten Sie sich mit festem Schuhwerk und entsprechendem Kleiderschutz aus“, steht auf der Rathaus-Einladung. So weit kommt’s noch... Von Martin Kuhn

Den Autor beschleicht ein ungutes Gefühl, als Umweltamtsleiterin Heike Hollerbach in Gummistiefel schlüpft. Auch andere, die sich am Ende des Rumpenheimer Mittelwegs einfinden, wählen trotz sommerlicher Schwüle eher Robustes.

Oberbürgermeister Horst Schneider darf am Nachmittag in seiner Funktion als Interims-Umweltdezernent das Tor öffnen zu einem Ort, der für die Öffentlichkeit ansonsten gesperrt bleibt – der nördliche Teil des Naturschutzgebiets Schultheisweiher. Eisentor, Kette und Vorhängeschloss signalisieren überaus deutlich: Stopp! Schutzgebietsbeauftragter Klaus Fiedler und Umweltamtschefin Heike Hollerbach mahnen kurz darauf die Gruppe: „Eng zusammenbleiben, leise sprechen; wir wollen ja keine brütenden Vögel erschrecken.“ Tja, und dann zeigt sich, warum eine Kleidungs-Etikette empfohlen ist: Es geht durch eine kniehoch bewachsene Wiese, auf der es in verschiedenen Farben blüht. Pure Natur im Ballungsraum Rhein-Main. Horst Schneider ist angetan: „Das macht die Qualität unserer Region aus.“

„Eigentlich stört eher der Mensch...“

Es ist das ungestörte Refugium der Gefiederten: Streift der Blick diagonal über den Schultheis, ist der Badestrand zu erkennen. Von dort dringt kein Laut zur Gruppe, der einige Mitglieder des Naturschutzbeirates um Vorsitzenden Karl-Heinz Halle angehören. Da raunt der jetzige Grünen-Fraktionschef und künftige Bürgermeister Peter Schneider: „Eigentlich stört eher der Mensch...“ Tja, wenn das so einfach wäre in einer Stadt, die aus finanziellen Gründen auf ein kommunales Schwimmbad verzichtet und den Schultheisweiher als eine Bademöglichkeit preist.

Ist es aber nicht. Daher formuliert Umweltamtsleiterin Heike Hollerbach vorsichtig, als sie über den See blickt: „Wir müssen immer neu denken: Wie kriegen wir hier das beste Rezept für alle hin?“ Das beinhaltet ausdrücklich naherholende Offenbacher, die drüben am Sandstrand liegen oder im Wasser planschen. Da hat die Stadt in Absprache mit der Oberen Naturschutzbehörde einiges unternommen, damit das Gewässer gesundet. Noch vor Jahren haben Graskarpfen maßgeblich beigetragen, dass sich in den Sommermonaten Blaualgen extrem vermehren konnten im Schultheis.

„Wir müssen den Schultheis als Gewässer erhalten – so lange es geht.“

Mit verschiedenen Maßnahmen steuert die Stadt dagegen: Abfischer, Karpfen, Eintrag von Kaliumchlorid, Aussetzen von Junghechten. Nach gut sechs Jahren und etwa 300.000 Euro Kosten heißt es, auch wenn der Weiher Anfang Juli kurzfristig gesperrt wird: „Der Badebetrieb läuft. Er läuft gut. Dem See geht es gut.“ Spätestens nach solchen Sätzen meldet sich die politische Opposition zu Wort. Der CDU-Stadtverordnete Tobias Männche bemängelt jüngst: „Zur besten Badezeit muss der Schultheis regelmäßig gesperrt werden. Das ist einfach nur blamabel für Offenbach, darüber lacht die ganze Region. So kann es nicht weiter gehen.“ Fachmännisches Handeln sei jetzt unerlässlich.

Das greift wohl zu kurz, da in den Naturschutzgebiet das Schwimmen eigentlich nur geduldet ist. Kaum bekannt: Der Schultheis ist Teil des EU-Projekts  „Natura 2000“, offizielle Bezeichnung für ein kohärentes Netz von Schutzgebieten in Europa. Ziel: länderübergreifender Schutz gefährdeter Pflanzen- und Tierarten und ihrer natürlichen Lebensräume. Da hat sich Offenbach zu fügen, zumal der Schultheis da stets als Teil der Mainauen gesehen wird. Hollerbach: „Dem EU-Recht muss sich auch die Stadt fügen...“ Daher lautet ihr Ziel: „Wir müssen den Schultheis als Gewässer erhalten – so lange es geht.“ Wie lange das ist, vermögen die Experten nicht zu prognostizieren. Da der Schultheis weder natürliche Zu- und Abschlüsse hat, sondern durch Grundwasser gefüllt wird, ist absehbar, dass er irgendwann verlandet. Am Ende ist es wohl ein Schultheismoor.

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