Wenn der Rollator beschleunigt

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Noch bis zum 19. Juli sind die Tafeln zu den verschiedenen ICMA-Projekten im Rathaus zu sehen.

Offenbach - Ein Projekt bringt Erfahrungen sieben europäischer Länder in Bezug auf bessere Zugangsmöglichkeiten und schnellere Verbindungen im öffentlichen Nahverkehr zusammen. In der Lederstadt soll vom Austausch vor allem die ältere Generation profitieren. Von Sebastian Faerber

Für eine Seniorin kann es durchaus verlockend sein, im Bus auf ihrem Rollator Platz zu nehmen statt auf einem Sitz. Schließlich befinden sich nicht selten Einkäufe und Geldbörse in der kleinen Gehhilfe, und die wollen bewacht werden. „Aber wenn der Bus stark bremst, geht das Ding ab wie nichts“, warnt Anja Georgi, Geschäftsführerin von NiO (Nahverkehr in Offenbach). Daneben gibt es rund um die öffentlichen Verkehrsmittel weitere Hürden, welche die ältere Generation vor der Benutzung zurückschrecken lassen.

Das soll sich bald ändern. Beziehungsweise hat sich bereits geändert. Denn in den Jahren 2008 bis 2012 hat sich die NiO am europäischen Projekt ICMA (Improving Connectivity and Mobility Access) beteiligt. Das hat zum Ziel, Barrieren im öffentlichen Nahverkehr abzubauen und Verbindungen zu verbessern. Die Ergebnisse und Erfahrungen zeigen in englischer Sprache 34 Tafeln, die noch bis zum 19. Juli im Rathaus zu sehen sind. Zur Eröffnung der Ausstellung gab Georgi gestern einen Einblick in die Arbeit der zurückliegenden Jahre.

Elf Organisationen aus sieben europäischen Ländern

Insgesamt elf Organisationen aus sieben europäischen Ländern waren an verschiedenen Projekten beteiligt, ausgerichtet auf lokale Besonderheiten. Pendler, Behinderte oder Kinder standen beispielsweise in anderen Ländern im Fokus. In Offenbach hat eine Befragung ergeben, „dass sich viele Senioren nicht mehr trauen, mit dem ÖPNV zu fahren“, erklärt Georgi. Gründe können Unsicherheiten im Umgang mit Gehhilfen sein, aber auch die Bedienung von Fahrkartenautomaten. „Es gibt Senioren, die haben seit 20 Jahren keinen Bus mehr von innen gesehen“, weiß Georgi.

Um diese Menschen wieder an die Nutzung heranzuführen, hat die NiO, basierend auf einem Vorbild aus der Schweiz, theoretische und praktische Schulungen umgesetzt. Letztere vermitteln etwa genannten Umgang mit einem Rollator, auch, dass es einfacher ist, mit solch einer Gehhilfe rückwärts in den Bus zu steigen. So braucht das Wägelchen nicht angehoben zu werden.

Eine Fahrplan- und Ticketkunde

Daneben interessierte die Teilnehmer eine Fahrplan- und Ticketkunde. Um das Vorankommen zu erleichtern, gibt es an Haltestellen für Smartphones sogenannte QR-Codes. Diese lassen sich einscannen, um herauszufinden, ob der erwartete Bus bereits durchgefahren ist oder Verspätung hat. Die Busse haben einen kleinen Sender eingebaut, der ihre Position verrät. Zusätzliche Anzeigetafeln informieren etwa in KOMM, Klinikum, Bürgerbüro oder bei der AWO über Abfahrtszeiten.

Insgesamt kosteten alle Projekte in den sieben Ländern 7,3 Millionen Euro, das hiesige 766.000 Euro. Die EU hat die Hälfte aller Kosten übernommen. In Offenbach sind in gut zwei Jahren etwa 2000 Senioren in den Genuss der Schulungen gekommen. Auch in Zusammenarbeit mit der Vhs, um Senioren zu erreichen, die in keinem Verein organisiert sind. Obwohl alle ICMA-Projekte abgeschlossen sind – „die neu eingeführten Schulungen zum Bus- und Bahnfahren werden weitergeführt“, verspricht Georgi.

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