Klinikum entschuldigt sich

Bei „stiller Geburt“ ganz allein gelassen

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Offenbach - Geschichten, die aus einem Krankenhaus zu erzählen sind, gehören selten zu den schönen. In Offenbach hat das weder mit speziellen Zuständen noch mit dem Betreiber zu tun. Von Matthias Dahmer

Anders formuliert: Die Tatsache, dass das Klinikum von kommunaler in private Hand gewechselt ist, bedeutet nicht, dass plötzlich alles rund läuft. Wie Erfolgsmeldungen gehören demnach Missstände weiterhin an die Öffentlichkeit. Das hat nichts mit Schlechtreden zu tun. Weshalb auch der Fall von Marion Schneider zu schildern ist: Die 46-Jährige, alleinerziehende Mutter einer 14-jährigen Tochter, entschließt sich zu einem Schwangerschaftsabbruch, nachdem eine Fruchtwasseruntersuchung ergeben hat, dass das Kind mit schweren Behinderungen auf die Welt kommen würde.

Bereits beim Anmeldetermin am Dienstag, 13. August, im Sana-Klinikum werden die Nerven der psychisch ohnehin belasteten Offenbacherin strapaziert: „Für die Anmeldung, eine Blut- und Urinprobe, das Ausfüllen von drei Formularen, ein kurzes Gespräch mit einer Ärztin, welche mir eine Tablette verabreichte, und ein Gespräch mit einem Narkosearzt, befand ich mich viereinhalb Stunden in der Klinik. Davon waren etwa vier Stunden reine Wartezeit“, berichtet sie.

Erste Dosis eines Wehen auslösenden Mittels

Am Tag des Abbruchs, es ist der folgende Donnerstag, erhält Marion Schneider um 9 Uhr die erste Dosis eines Wehen auslösenden Mittels. Nach einem Gang zur Toilette wird ihre Bitte um ein Handtuch mit dem Hinweis beschieden, dies sei kein Hotel. Die Schmerzen werden stärker, die Patientin kommt an einen Tropf. Durchfall und Erbrechen stellen sich ein. Am Nachmittag, irgendwann zwischen 14 und 15 Uhr, teilt man ihr mit, dass es bald soweit sei.

Als das Kind zur Welt kommt, als offizieller Geburtszeitpunkt wird später 16.20 Uhr genannt, ist Marion Schneider ganz allein. „Der Schmerz war augenblicklich vorüber. Ich rief die Schwester, die jetzt auch kam, und sagte ihr, dass das Kind da ist – in meine Unterhose geboren“, schildert die 46-Jährige die Situation. Eine Ärztin nabelt das Kind wortlos ab. Es wird der Mutter, die es sehen möchte, für Sekunden hingehalten und dann weggebracht.

Frau muss Ausschabung über sich ergehen lassen

Unmittelbar im Anschluss muss Marion Schneider eine Ausschabung über sich ergehen lassen. Die beim ersten Vorstellungstermin von der Klinik geweckte Hoffnung, sie komme durch Einnahme von Tabletten um diesen Eingriff herum, erfüllt sich damit nicht.

Mit einem Infoblatt und der Mitteilung des Beerdigungstermins ihres Kindes wird Marion Schneider am anderen Tag ohne weitere Untersuchung entlassen. Drei Tage später stellt ihr Frauenarzt fest, dass die Ausschabung nicht vollständig war. Sie erhält eine Überweisung für einen ambulanten Eingriff. Auch wird sie darüber informiert, dass bei einer „stillen Geburt“ in der 17. Schwangerschaftswoche üblicherweise die Patientin im Kreissaal unter ständiger Betreuung von Arzt, Hebamme oder Schwester steht. Zudem sei ein Abbruch im fünften Monat ohne anschließende Ausschabung nicht möglich.

Immerhin: Von Sana gibt es eine Entschuldigung. „Wir bedauern sehr, dass die Patientin die geschilderten Erfahrungen machen musste“, sagt Sprecherin Marion Band. Chefarzt Professor Christian Jackisch habe sie bereits persönlich um Entschuldigung gebeten und sie zu einem klärenden Gespräch eingeladen.

Man habe die Schilderungen der Betreuung durch das Pflegepersonal zum Anlass genommen, nach Wegen zu suchen, künftig mehr Sensibilität und Empathie walten zu lassen, so Marion Band. Anders als von der Patientin behauptet sei sie allerdings über die Folgen der Behandlung, also die Möglichkeit einer Ausschabung, informiert worden.

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