Schweig, bitte!

Ich mag ihn nicht. Aber der Mann mit dem lustigen indischen Akzent hört einfach nicht auf zu erzählen. Dabei habe ich meine Nase total tief in meine Zeitschrift gesteckt. Von Kathrin Rosendorff

Sprich mich an, erzähle mir deine Lebensgeschichte“, scheine ich auf der Stirn stehen zu haben. Manchmal ist das lustig. Wie einmal im Restaurant, da beichtete mir eine Dame ihre „Milch-Sucht“. Aber heute Abend an der S-Bahn-Station geht der Mann mir echt auf die Nerven. Und das liegt nicht nur an seinem aufdringlichen Aftershave. Er fragt: „Du, Monatskarte?“ Ich nicke. „Kann ich mitfahren?“ „Kein Problem“, antworte ich. Damit ist für meinen Teil die Konversation beendet. Doch er meint, mich jetzt unterhalten zu müssen, oder wollen? Erst zieht er einen 100-Euro-Schein aus seiner Tasche: „Den konnte mir keiner wechseln.“ Warum muss er mit diesem Hunderter so rumposen?

Ich mach in Leder“, sagt er und erwartet Anerkennung. Ich verweigere sie ihm. Dann sagt er: „Ich will meine Freundin am Hauptbahnhof abholen.“ Er schiebt mir sein Handy unter die Nase. Auf dem Display ist ein blondes Babe. „Die hat er sich doch irgendwo runtergeladen“, denke ich. Er behauptet: „Sie ist 18. Ich bin 60 und verheiratet. Habe ich ihr auch so gesagt, ich also ehrlich. Aber sie will mich trotzdem“, sagt er und lacht. Dabei umklammert er stolz seinen wackelnden Buddha-Bauch. „Widerling“, denke ich. „Und was sagt Ihre Frau dazu?“, frage ich schon fast wütend. „Ja, nicht so gut“, murmelt er. Wir steigen in die S-Bahn – und endlich schweigt er.

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