Schwund (fast) überall

Offenbach - Seit Jahren geht es bergab - mit den Mitgliedszahlen der Parteien. Einzig die Grünen und die noch junge Piratenpartei freuen sich über Zulauf. Von Angelika Dürbaum und Peter Schulte-Holtey

Vorbei die Zeiten, in denen SPD und Union sich stolz als Volksparteien bezeichnen konnten - wer kann sich heute noch vorstellen, dass 1976 mehr als eine Million Bundesbürger ein sozialdemokratisches Parteibuch hatten? Zurzeit sind es nur gut 490.000. Oder die FDP - Anfang der 90er Jahre zählten sich fast 180.000 Deutsche zu den Liberalen, heute sind es weniger als 62.500.

Auch in der Region kämpfen die Parteien um Mitglieder. Bleiben wir bei der FDP. Die Offenbacher Liberalen haben nach Angaben ihres Chefs Oliver Stirböck seit Beginn der Krise „netto“ vier Prozent ihrer jetzt etwa 120 Mitglieder verloren. Das sei mit Blick auf die Bundespartei leicht unterdurchschnittlich, sagt Stirböck und verweist in diesem Zusammenhang auf die starke kommunalpolitische Ausrichtung der Offenbacher FDP. Begründet würden die Austritte denn auch zumeist mit der Enttäuschung über die CDU/FDP-Koalition und die Rolle der Liberalen in Berlin. Allerdings gebe es auch Eintritte von Offenbachern, die gerade in der schwierigen Situation der Bundes-Liberalen der Partei beistehen wollten, damit eine wichtige Stimme nicht aus der politischen Landschaft verschwinde.

Eintrittszahlen stagnieren

Im Kreis Offenbach zählt die FDP derzeit „stabil“ über 400 Mitglieder, wie der Vorsitzende Rene Rock berichtet. Damit hätten die Liberalen seit dem Jahrtausendwechsel mehr als 150 neue Parteigänger gewonnen, aber seit einiger Zeit stagnierten die Eintrittszahlen. Zudem habe es im Zuge von Querelen bei der letzten Kommunalwahl Abgänge gegeben. Und: „Es fehlt der Mittelbau“, sagt der oberste Liberale im Kreis, entweder gebe es sehr junge oder schon betagtere Mitglieder. Zurzeit liege das Durchschnittsalter bei 52,7 Jahren.

Dass sieht bei der Piratenpartei natürlich ganz anders aus. Auf etwa 35 Jahre schätzt Parteisprecher Kevin Culina das Durchschnittsalter der Mitglieder in Stadt und Kreis. Vor einigen Jahren habe es allerdings noch bei unter 30 Jahren gelegen. Stand Anfang Januar gab es in Offenbach 30 „Piraten“, im Kreis waren es 92. Allein im Kreis stieg binnen kurzem die Mitgliederzahl um 30 Personen. Laut Culina brachte vor allem die Berlin-Wahl, bei der im September 2011 erstmals Piraten ein Landesparlament enterten, einen Mitgliederschub. So die Neuen früher schon parteipolitisch aktiv waren, wechselten sie von den Grünen, der SPD oder den Jusos zu der neuen politischen Kraft. Gründe, sich zu engagieren, seien in früheren Jahren natürlich alle Fragen rund um das Internet gewesen, also etwa Vorratsdatenspeicherung oder Netzsperren, so Culina. Inzwischen spielten aber auch das kompromisslose Eintreten für ein Grundeinkommen und die neue Möglichkeiten, sich basisdemokratisch zu engagieren, eine Rolle.

Mitglieder unter 30 gehen lieber in die Jugendorganisationen 

Der Kreisverband Offenbach-Land der Grünen hat derzeit knapp 300 Mitglieder. „Etwa zwölf Prozent sind jünger als 30 Jahre, die größte Altersgruppe liegt mit etwa 52 Prozent zwischen 30 und 50 Jahren, über ein Drittel sind älter als 50“, berichtet Werner Kremeier vom Kreisverband. Nach seinen Angaben wächst die Zahl der Mitglieder seit 2008 wieder deutlich - am stärksten in der Altersgruppe über 30. „Bei den Jüngeren wird oft zunächst eine Mitgliedschaft in der Grünen Jugend gewählt, die Beiträge sind dort günstiger.“ Allerdings gehen dem Kreisverband viele junge Mitglieder beim Wechsel ins Studium wieder verloren. Laut Kremeier werden die Beitrittsgründe nicht abgefragt, „so dass wir als Gründe aktuelle politische Themen wie Energiewende, Umwelt und Landwirtschaft annehmen, aber selbstverständlich auch unser gute Arbeit in den kommunalen Parlamenten“.

Ende 2011 zählten die Grünen in Offenbach-Stadt 116 Mitglieder (2009 waren es noch 95) - davon 54 Frauen; neben Studenten, Auszubildenden und Rentnern mit cirka je 20 Prozent, sind es vor allem mitten im Berufsleben stehende Menschen im Alter zwischen 30 und 55 Jahren. Kreisgeschäftsführer Ivan Greguric berichtet: „In den Gesprächen mit den Neumitgliedern erklären die meisten, dass sie schon längere Zeit grünen Politikinhalten nahestehen und diese in ihren persönlichen Lebensentwürfen auch versuchen zu leben - Stichworte: Ökologie, Nachhaltigkeit, soziale Empfindlichkeit ... , dass sie den Grünen eine sehr hohe Glaubwürdigkeit in der Vertretung dieser Kerninhalte grüner Politik zugestehen“ und dies durch eine Mitgliedschaft unterstützen wollen.

CDU-Mitglieder im Durchschnitt 59 Jahre alt

Leichte Verluste beklagt der CDU-Kreisverband Offenbach: 2008 wurden noch 2984 Mitglieder gezählt, inzwischen sind es 2770. Vorsitzender Frank Lortz erklärt sich das so: „Die sinkende Mitgliederzahlen resultiert aus den Sterbefällen und Wechsel der Wohnorte.“ 59 Jahre beträgt das Durchschnittsalter der Parteimitglieder. Der Kreisverband ist nach Mitgliedern der drittstärkste Kreisverband im Landesverband Hessen; nur Frankfurt und Fulda sind größer. Der Junge Union Kreisverband hat derzeit cirka 1 100 Mitglieder; davon sind 150 Mitglieder im CDU-Kreisverband. Bei den Eintrittsgründen sieht Lortz einen Zusammenhang „mit dem verstärkten Engagement auf kommunaler Ebene und der überzeugenden Politik der CDU im Kreis unter Landrat Oliver Quilling“. Auch das Auftreten der CDU-Bundesvorsitzenden und Bundeskanzlerin Angela Merkel in den EU-Verhandlungen habe dazu beigetragen. Die Probleme bei der Mitgliederentwicklung werden aber offensichtlich sehr ernst genommen. So soll die Mitgliederzahl mit einer Werbeaktion im 2. Quartal 2012 in den einzelnen Stadt- und Gemeindeverbänden nach Angaben von Lortz „stabilisiert bzw. erhöht werden“.

570 Mitglieder zählt derzeit der Kreisverband der CDU Offenbach-Stadt, das entspricht dem Niveau von 2009. Laut Geschäftsführerin Ute Robanus hat sich auch die Altersstruktur nicht wesentlich verändert: „Zwar werden natürlich auch unsere Mitglieder älter, dies konnten wir aber dadurch ausgleichen, dass es sich bei den Eintritten vorwiegend um jüngere Menschen handelte.“ Die meisten Eintritte in den vergangenen Jahren seien ein Resultat der Unzufriedenheit der Bürger mit der kommunalen Politik.

Aktivität macht attraktiv

Die Mitgliederzahlen der SPD im Kreis Offenbach sind zuletzt konstant geblieben. 2011 zählten die Genossen 2027 Mitglieder, 13 weniger als 2009. (Zum Vergleich: Dem SPD-Unterbezirk Main-Kinzig gehören 4150 Mitglieder an.) Die Altersstruktur: 948 Mitglieder sind zwischen 35 und 60 Jahre alt, 854 sind über 60. Zudem gab es 225 Jungsozialisten (Mitglieder unter 35 Jahre). Ruth Disser, stellvertretende SPD-Unterbezirksvorsitzende: „Die Jusos im Kreis Offenbach haben in den letzten Jahren an Aktivität und damit sicherlich auch an Attraktivität zugelegt. Eine aktive Gruppe von jungen Menschen schafft es in der Regel immer, andere Menschen zum Mitmachen zu motivieren.“

Und die Eintrittsgründe in die SPD? In der Regel geht es laut Disser den Neumitgliedern darum, etwas zu ändern, zu bewegen und zu gestalten. Gerade bei den Neueintritten, die auch direkt zur Kommunalwahl bereit waren Verantwortung in den örtlichen Parlamenten zu übernehmen, kann man den Gestaltungswillen deutlich feststellen. Hier haben sich die SPD-Ortsvereine auch geöffnet und durchaus die Listen zur Kommunalwahl für „Nicht-Mitglieder“ geöffnet.“

Deutliche Abwärtsbewegung bei den Sozialdemokraten in Offenbach: Anfang der 70er Jahre hatte der Unterbezirk Offenbach-Stadt noch mehr als 2000 Mitgliedern; zu Beginn der 90er Jahre waren es nur noch gut 1200. Nun hat sich die Mitgliederzahl bei etwa 550 stabilisiert. Auffallend: Der Anteil der Altergruppe über 60 Jahre beträgt 45 Prozent. Größere Austrittswellen hat Marius Statescu vom SPD-Büro in Offenbach zuletzt nicht festgestellt: „In der Regel sind Austritte meistens zum Quartals- und Jahresende ohne genaue Begründung. Erfreulicherweise haben wir fast 100 Jusos, dieser Anteil an der Gesamtmitgliederzahl ist einer der höchsten seit den 70er Jahren.“ Bei den Neumitgliedern geht nach Beobachtung von Statescu der eindeutige Trend zum Online-Eintritt, etwa zwei Drittel der „Neuen“ kommen auf diesen Weg.

Die Linkspartei musste ebenfalls Federn lassen. Ende 2011 waren in ganz Hessen 2 550 Mitglieder registriert, etwa zwei Prozent weniger als noch im Jahr zuvor.

Rubriklistenbild: © Birgit H./pixelio.de

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