Ärger am S-Bahn-Halt Marktplatz

Glücksspiel an der Haltestelle

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Neben deutlichen Lautsprecheransagen sind auch Aufzüge für Sehbehinderte eine Erleichterung. „Die Fahrstühle in Offenbach funktionieren leider nur hin und wieder mal“, so die Erfahrung.

Offenbach - Schon oft hat Regina Löw auf die Frage, welche Linie gerade einfahre, den immer gleichen Satz zu hören bekommen: „Steht doch außen dran.“ Der Offenbacherin aber hilft das wenig. Sie ist sehbehindert und kann die Anzeigen an Bussen und Bahnen nicht entziffern. Von Jenny Bieniek

Ohne Lautsprecheransagen fehlt ihr und anderen Betroffenen im öffentlichen Personennahverkehr die Orientierung. Die falsche Bahn ist da keine Seltenheit. In den Offenbacher S-Bahn-Stationen gibt es solche Ansagen schon seit Längerem nicht mehr. Blindenverbände protestierten deshalb am späten Montagnachmittag am Marktplatz, um ihrer Forderung nach Wiederaufnahme Nachdruck zu verleihen. „Lasst uns nicht weiter ins Ungewisse fahren. Die Ansagen bedeuten für uns ein Stück Selbstständigkeit“, so der Appell von Helga Johannes vom hessischen Blinden- und Sehbehindertenbund.

An allen vier zentralen Offenbacher S-Bahn-Halten fehlen entsprechende Durchsagen, am Hauptbahnhof wird inzwischen auch auf den Hinweis für Zugdurchfahrten verzichtet. „Wir reden von einem bundesweiten Problem. Die Durchsagen werden immer weiter zurückgefahren, und dort, wo sie noch vorhanden sind, sind sie oft schwer zu verstehen“, klagt die Ortsgruppenleiterin der Selbsthilfevereinigung Pro Retina. „Wenn ohne Vorwarnung ein ICE vorbeirauscht wie am Hauptbahnhof, geht’s aber nicht nur um Orientierung, sondern auch um Sicherheit.“

Durchsagen nicht notwendig

Von Seiten der Verantwortlichen heiße es oft, die Durchsagen seien nicht notwendig. Betroffene wie Regina Löw sehen das anders. Was im Frankfurter S-Bahn-Tunnel hervorragend funktioniere, müsse auch in Offenbach möglich sein, so der Tenor der Blindenverbände. Dabei hatte die Bahn die Wiederaufnahme der Ansagen bereits für 2013 versprochen. Passiert ist jedoch nichts. Von Seiten der Bahn heißt es dazu, in der Station Marktplatz fehle eine automatische Anlage, die sowohl planmäßige Bahnansagen als auch Verspätungshinweise übermittelt. Für Löw reicht das als Begründung nicht aus: „Es muss doch möglich sein, dass zumindest die Fahrer über ihre Lautsprecher durchsagen, welche Linie gerade kommt“, ärgert sie sich. Andernfalls gleiche das Erwischen der richtigen Bahn einem Roulettespiel.

In Offenbach kämen darüber hinaus noch andere Probleme hinzu: „Wenn ich Leute anspreche und um Hilfe bitte, verstehen fünf erstmal kein Deutsch“, so ihre Erfahrung. Zudem reagierten viele Menschen panisch auf ihren Blindenhund. Auch Helga Johannes kennt unangenehme Situationen und fordert mehr Aufklärung: „Viele halten unsere Blindenstöcke für Nordic-Walking-Equipment.“ Unterstützung erhielten die Blindenverbände bei ihrer Kundgebung von Stadtrat Felix Schwenke, der am Montag deutliche Worte fand: Zwar habe man im vergangenen Jahr viele nette Zusagen von örtlichen Bahn-Mitarbeitern bekommen, herausgekommen sei letztlich aber nichts, weil die Bahn immer weniger investiere. „Die Anlagen müssen aber verdammt nochmal funktionieren“, so seine Forderung.

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Auch die Landtagsabgeordnete der Linken, Barbara Cardenas, ließ keinen Zweifel an ihrer Unterstützung aufkommen und kündigte entsprechende Anfragen in Stadtparlament und Landtag an: „Menschen mit Beeinträchtigungen sind keine Bittsteller und wollen nicht auf die Hilfsbereitschaft anderer angewiesen sein.“ Neben fehlenden Lautsprecherdurchsagen bemängeln die Blindenverbände auch andere alltägliche Stationsärgernisse, die für Sehbehinderte jedoch gravierendere Folgen haben: Glasscherben in den Stationen bergen Verletzungsrisiken für die Hunde, Handläufe sind mit Kaugummis, Taubenkot oder Speichel verdreckt. Die vorhandenen Aufzüge funktionieren oft nicht, Rolltreppen aber seien für Rollstuhlfahrer, Gehbehinderte, Menschen mit Rollator und Mütter mit Kinderwagen keine Alternative.

Neuerdings werde auch in vielen Bussen auf die Ansage von Haltestellen verzichtet, zudem würden einige übersprungen, wenn keine Fahrgäste warten und der Haltewunschknopf im Bus nicht betätigt wurde. „Da hilft es nichts, wenn man weiß, dass man an der sechsten Haltestelle raus muss“, erzählt ein Fahrgast. Die Bahn hat unterdessen angekündigt, Stationsansagen bis 2015 einzuführen. Die Betroffenen um Helga Johannes warten also weiter. Denn: „Eine S-Bahn, die an Barrierefreiheit spart, brauchen wir nicht!“

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