Sehnsucht nach Licht

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Barbara Beisinghoffs vom Foyer aus unleserliche Schriftfahne im Rathausasyl soll einen besseren Platz bekommen. Zur Luminale zeigt das Archiv im Haus der Stadtgeschichte, Herrnstraße 61, vom 14. April bis 12. Mai, die Ausstellung „Himmelansteigende Treppen“.

Offenbach ‐ Tag für Tag hockt er da, Hans Mettels grübelnder „Sitzender“ an Offenbachs Büsingpark, und schaut zum Verkehrsgewühl der Berliner Straße, vor sich die Hochhaustürme des Hauses der Wirtschaft, neben sich eine Stele mit gemeißeltem Text zu den Häusern Domstraße 23 und 25. Von Reinhold Gries

Vor 50 Jahren wurden sie in Schutt und Asche gelegt, nicht durch Kriegsbomben wie die Nachbarhäuser. Historikerin Christina Uslular-Thiele dazu: „Die Wohnhäuser der (Sophie von) La Roche und ihrer Nachbarn André blieben mit nur leichten Schäden wie Inseln stehen... Alte Überlegungen, die innerstädtischen Verkehrsverhältnisse zu verbessern, wurden auch in der Domstraße ohne Sentimentalitäten durchgesetzt.“

Die damalige Stadtregierung kaufte für die groß dimensionierte Durchbruchstraße, die künftige Berliner, Grundstücke und Häuser auf und begann 1960 mit dem Abriss des La-Roche- und André-Hauses. Proteste blieben ungehört. Hiesige Literaturgeschichte musste fortan ohne die „Grillenhütte“ der Dichterin Sophie von La Roche auskommen, bei der ihre Enkel Bettine und Clemens Brentano wohnten und herumtobten, und unsere Musikgeschichte ohne das André-Haus, von dem Mozart-Erstdrucke in die Welt gingen. Erstaunlich, wie sogar der Offenbacher Geschichtsverein einstimmte: „Die Durchbruchstraße und mit ihr die Sanierung der Altstadt wird die längst fällige Flurbereinigung des alten Stadtkerns mit sich bringen, den noch erhaltenen anachronistischen Restbestand des dörflichen Offenbach eliminieren und den Weg in die Zukunft öffnen.“

Das war wohl der Zeitgeist damals

Ob solcher Sprache gruselt es Dr. Jürgen Eichenauer, Leiter des Hauses der Stadtgeschichte, und Stadtarchivarin Anjali Pujari ist entsetzt: „Einfach schrecklich das Ganze. Wie konnte man nur? Aber das war wohl der Zeitgeist damals.“ Damit finden sich nicht nur die schlecht ab, die Tränen vergossen, als sie den Anfang der 60er gedrehten Filmclub-Streifen über Offenbachs Altstadt sahen.

Nun wollte die in der Welt herumgekommene Dreieicher Künstlerin Barbara Beisinghoff zur Luminale 2010 an das La-Roche-Jahr 2007 und das Bettine-Jahr 2009 anknüpfen, die man zur Aufwertung des Offenbach-Images nutzte. Und dann das:

Beisinghoff plante, vom Standort des untergegangenen Literaturhauses am Büsingpark aus Lichtprojekte zu installieren, um an Bettine und die Grillenhütte zu erinnern. Auf die Seitenwand des Hauses der Wirtschaft sollte Bettines Text zu den Domstraßenpappeln als „himmelansteigende Treppen, auf die ich wie alle oft hinangestiegen bin, um der Sonne nachzusehen“ erscheinen, dessen Portal vom poetischen Sprachbild des „Himmelspurpurmantels“ hinterleuchtet werden. Im Rathaus sollte, gewebt in chinesische Organzaseide, Bettines Text an Karoline von Günderode von 1840 hängen: „Es ist am Ende ganz lächerlich, wenn wir alles Schöne und Herrliche im Geist berühren und genießen, und wir sitzen in der Wirklichkeit wie eingefroren (...) in der pappendeckelnen Welt.“

Auch Offenbacher Sponsoren schienen wie eingefroren, als sich Jürgen Eichenauer und Ria Baumann vom Amt für Wirtschaftsförderung um die Finanzierung bemühten, in der billigeren Variante bis zu 4800 Euro teuer. Als der Bad Homburger Eigentümer des Doppelturmensembles absagte („Die Bespielung des Hauses ist nicht erwünscht“), war das Projekt gescheitert.

Die Ausstellung „Barbara Beisinghoff – Himmelansteigende Treppen“ ist im Stadtarchiv bis 12. Mai zu sehen: dienstags und donnerstags, jeweils 9 bis 12 und 13.30 bis 15.30 Uhr.

Derweil feiern das Luminale-Programm und das Offenbacher  Kulturforum die Aktion weiterhin als poetische Bereicherung des Stadtbilds. Beisinghoff dazu: „Das wäre ein Glanzlicht gewesen, an einer der sensibelsten Stellen der Stadt.“ Immerhin ist man im Haus der Stadtgeschichte (Jahresetat für alle Projekte: 10 000 Euro) froh, für die begleitende Beisinghoff-Ausstellung im Stadtarchiv 800 Euro abzweigen zu können.

In dessen Flur und Lesesaal an der Herrnstraße 61 stellt die renommierte Künstlerin transparente Blätter und Drucke ihres Künstlerbuchs „Himmelansteigende Treppen“ aus zu Bettines Briefroman an die Günderode, ihre literaturbegabte Freundin. Dazu kommen Grillenhütten-Drucke und historische Domstraßen-Fotos aus dem Archiv. Am Mittwoch, 14. April, 19 Uhr, soll die Vernissage in Lesungen erhellender Bettine-Texte gipfeln: „Was sich nach Licht sehnt, ist nicht lichtlos, denn die Sehnsucht ist schon Licht.“ Bis dahin will Eichenauer Beisinghoffs vom Foyer aus unleserliche Schriftfahne im Rathausasyl – sie sollte eigentlich über der Erinnerungsstele am Büsingpark schweben – einen besseren Platz verschaffen. „Aus Brandschutzgründen“ wurde sie an die Rathausglaswand hinter schwarze Vögel montiert, nur von der zugigen, lauten Berliner Straße aus identifizierbar.

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