Alt sein heißt nicht krank sein

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Ob Parkinson-Vereinigung, Alzheimer-Gesellschaft, evangelische Familienbildungsstätte oder der Verein „Pro Retina“ – das Wochenende nutzten zahlreiche soziale und präventive Einrichtungen in der Stadt, um Senioren über ihre Angebote und Produkte aufzuklären. Und die Infobörse stieß auf großes Interesse.

Offenbach - „Das ist der Rolls Royce unter den Toiletten.“ Thomas Menger, von Beruf Badezimmergestalter, meint das durchaus ernst. Von Fabian El Cheikh

Doch auch er muss lächeln, als er einer jungen Familie die neueste Errungenschaft des zivilisatorischen Fortschritts vorführt: das erste ferngesteuerte Klo. Die Luxusausführung versteht sich. Man gönnt sich ja sonst nichts. Von außen gibt sich das WC traditionell und unscheinbar. Betontes Understatement: weiße Porzellanschüssel, formgerechter Sitz. Seine wahre Ausstattung drückt sich im Inneren aus: Bidet, Fön und Geruchsabsauger. „Man kann sogar vier verschiedene Wassertemperaturen für die Benutzer programmieren“, verblüfft Menger das Ehepaar und seine junge Tochter.

Doch damit nicht genug: Mittels einer zumindest optisch fernsehgerättauglichen Fernbedienung wählt man bequem im Sitzen alle Funktion aus. Nur ein Klick und eine schmale lange Düse fährt vollautomatisch aus dem hinteren Teil des Beckens heraus. Noch ein Klick und mit dem gewünschten Druck sprudelt das Wasser nach oben. Die Wäsche kann beginnen. Ruckartig zieht die Frau ihren Kopf zurück und lächelt peinlich berührt. Klick, das Bidet fährt ein, heraus schiebt sich eine zweite schmale Düse – der Fön. „Für ältere Menschen ist das doch super.“ Ihr Mann findet’s klasse.

Angst der „Generation 50plus“

Keine Frage, an der interaktiven Toilette kommt bei der ersten Offenbacher Infobörse für Senioren an diesem Wochenende niemand ernsthaft vorbei. Durchaus ernst ist dagegen der Hintergrund für diese Erfindung, wie Menger den ebenso neugierigen wie belustigten Zuschauern erklärt: „Sie ist zum Beispiel ideal für Menschen mit Darmproblemen.“ Genauso wie Badewannen mit Einstiegstür besonders geeignet für gehbehinderte Senioren sind. „Das hat nicht nur was mit Barrierefreiheit zu tun, vielmehr mit Bequemlichkeit. Auch meine jüngeren Kunden schätzen diesen Komfort“, sagt er.

Ein ebenso ernstes, geradezu existenzielles Thema ist natürlich auch auf dieser Infobörse die Angst der „Generation 50plus“ vor Gedächtnis- und Orientierungsverlust. Jutta Burgholte-Niemitz von der Breuer-Stiftung weiß vom schwierigen Umgang mit Demenz und Alzheimer zu berichten: „Viele lesen nur das Wort Alzheimer auf unserer Infowand, dann sind sie schnell weg.“ Noch immer löse das Thema Angst und Panik aus“, wie Burgholte-Niemitz meint: „Das ist sehr schlimm für die Betroffenen und deren Angehörige.“ Oft liefen diese von Pontius zu Pilatus, um sich über Hilfsangebote zu informieren.

„Lange gut leben“

„Hier wollen wir helfen, dass alles reibungsloser läuft“, wirbt die Sozialarbeiterin für die gemeinnützige Offenbacher Stiftung, die mit ihrem „StattHaus“ in der Geleitstraße 94 unter einem Dach etwa Angehörige berät, eine Tagesbetreuung anbietet sowie ein Info- und Kulturcafé betreibt. „Wichtig ist, dass die Symptome rechtzeitig erkannt werden und dass man auch darüber spricht.“ Außerdem müssten Ältere versuchen, sich selbst zu helfen. „Wir brauchen einen Paradigmenwechsel, wir werden in Zukunft nicht mehr so viele Pflegekräfte haben, da sind alternative Angebote gefragt.“

Auch zum Mitmachen wurden die Besucher animiert: Wie hier zum Seniorentanz oder zur Gymnastik.

Dass Altern nicht zwangsläufig Krankwerden bedeutet, darauf weisen verschiedene andere Einrichtungen und Organisationen hin. Auch Bürgermeisterin Birgit Simon betont zur Eröffnung, dass Älterwerden heute im Vergleich zu früher eine „prima Sache“ sei: „Wir können in diesem Lebensabschnitt noch einmal richtig durchstarten, aktiv und fröhlich sein.“ So wirbt auch das Deutsche Rote Kreuz mit dem Spruch „Lange gut leben“ für seine Angebote. Am Stand des Kreisverbandes darf man sich gern auch mal ein paar Gummibärchen oder ein Stück Schokolade gönnen. Und wer doch etwas zu oft zugreift, kann sich anschließend beim Sport- und Wellnessclub „Injoy“ am Glücksrad versuchen. Der Hauptpreis – eine kostenlose Gesundheitswoche mit Fitnesscheck, Rücken- und Muskeltraining – kennt gar nicht so wenige Gewinner. Bereits wenige Stunden nach Eröffnung der Messe am Samstag hat Messe-Hostess Julia Lafko eine ganze Seite Namen zusammengetragen. Wer gleich aktiv werden will, probiert sich an der neuesten mit Mikrochip gesteuerten Generation von Fitnessgeräten aus. „Hier muss man nicht einmal mehr die Einstellungen für die eigene Körpergröße manuell vornehmen“, erläutert Lafko das Modell. „Alles ist auf der Karte gespeichert und stellt sich automatisch ein.“

„Unser Gehirn ist lernfähig bis ins hohe Alter“

Die Fitnessindustrie versucht es also auch hier mit dem Faktor Bequemlichkeit. Wie sagte schon Dichter Christian Morgenstern: „Das Interesse an Gesundheit ist riesig, das Wissen darüber mäßig und das Gesundheitsverhalten miserabel.“ Ergo: Wir alle wissen, wie wichtig Sport und Bewegung gerade im Alter sind. Allein den übelgelaunten inneren Schweinehund gilt es zu überwinden.

Wie man diesem erfolgreich ein Schnippchen zu schlagen vermag, zeigt Motivationscoach Peter Picard in seinem Vortrag. „Der Schüssel zum Erfolg ist, Körper, Geist und Seele ganzheitlich zu betrachten“, führt Picard seinem Publikum vor Augen. Zu oft werde in der westlichen Medizin Kopf und Körper getrennt behandelt, weshalb er schon in Kindestagen zur asiatischen Philosophie und Kampfkunst gefunden habe. Diese lehre: „Wir können lernen, auch Dinge zu tun, die wir nicht gerne tun.“ Das Zähneputzen etwa: Wie oft haben unsere Eltern uns früher dazu zwingen müssen? Heute tun wir es jeden Tag selbstverständlich. „Unser Gehirn ist lernfähig bis ins hohe Alter“, sagt Picard.

„Akzeptieren Sie kein ,ja, aber’“

Der erste Startschuss, etwas im Leben zu verändern, sei oft Interesse, der zweite Einsicht, der dritte starker Leidensdruck. Wer diese Signale erkenne, müsse handeln. Es folgt die Phase der Zielsetzung: „Machen Sie sich einen Zeitplan, orientieren Sie sich an Vorbildern oder Mitstreitern, und werden sie dann aktiv, am besten mit einem Partner“, ruft Picard seine Zuhörer auf. „Seien sie konsequent und akzeptieren Sie kein ,ja, aber’.“ Und wer sich immer noch nicht aufraffe, sollte sich die Konsequenzen seiner Verweigerung vor Augen halten. „Welchen Preis zahle ich dafür, wenn ich jetzt nicht handle?“

So motiviert können die Besucher später ihren Rundgang durch die Messe aktiv fortsetzen. Oder den weiteren Vorträgen lauschen. Peter Bender vom Polizeiladen etwa zeigt, wie man sich vor Betrügern an der Haustür schützt, Benjamin von der Hagen von Telis Finanz klärt über wirtschaftliche Risiken im Alter auf und Wolfgang Schumm vom Arbeiter-Samariter-Bund gibt Tipps gegen Stürze. Und wer zum Abschluss nochmal Spaß sucht, kann am Stand der Evangelischen Kirche nochmal richtig Gas geben: beim Rollirennen – eine elektrische Carrerabahn ohne Autos, stattdessen mit zwei rasenden Omas auf einem Rollstuhl. Alt wird, wer Humor hat...

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