Seit jeher Brot und Spiele

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Ferienfreizeit im Wandel der Zeit: Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen stammen aus den 50er Jahren. Sollten sich Leser auf diesen Bildern erkennen, können sie der Redaktion dazu ein paar Zeilen per Mail schreiben: red.offenbach@op-online.de

Offenbach - Ferienzeit ist Urlaubszeit: Sechs schulfreie Wochen können ganz schön lang werden, vor allem für die Kinder, die nicht verreisen. Deswegen sind viele Mütter und Väter froh, dass es Angebote wie die Stadtranderholung gibt. Von Simone Weil

Gemeinsam mit anderen Jungen und Mädchen den Tag verbringen, Ausflüge machen, spielen, basteln und Spaß haben, ist schließlich besser, als sich daheim zu langweilen.

Bei der Arbeiterwohlfahrt Offenbach (AWO), die ihr 90-jähriges Bestehen feiert, hat die Ferienfreizeit Tradition. Doch seit den Anfängen im Jahr 1919 hat sich vieles verändert. Ging es in den ersten 40 Jahren vorwiegend darum, dass die Kinder an der frischen Luft spielen konnten und ausreichend Nahrung bekamen, geht es heute um die Förderung von Phantasie, Kreativität, mehr Bewegung und sozialem Verhalten.

Anlässlich des Jubiläums blickt Geschäftsführer Jürgen Platt in der aktuellen AWO-Zeitung zurück. Immerhin ist die derzeitige Freizeit „meine 35.“, wie er sagt. Zurückgreifen konnte er in seiner Bilanz sogar auf eine Examensarbeit: Mit dem Thema hatte sich Hubert Kollewe, selbst Betreuer der Stadtranderholung, im Jahr 1988 beschäftigt.

Bereits sechs Jahre vor der bundesweiten Gründung der Arbeiter-Organisation wurden erste Spaziergänge für Proletarierkinder angeboten. Hintergrund: Den Arbeitern ging es schlecht. Sie wohnten beengt, die Ernährung war mangelhaft, die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal. Jedes zehnte Kind starb vor dem vierten Lebensjahr.

Die Geschichte der AWO

 

Eine engagierte Arbeiterbewegung wollte die Lage verbessern. Die in der „Kinderschutzkommission“ organisierten Frauen initiierten 1913 vier Spaziergänge. An die 1 200 Kinder trafen sich am frühen Nachmittag auf dem Wilhelmsplatz und zogen zum neuen Sportplatz der Freien Turner auf die Rosenhöhe. Damit sollte die öffentliche Kindererziehung nicht länger allein den Kirchen und dem Wohlwollen eines finanzstarken Bürgertums vorbehalten bleiben. Erklärtes Erziehungsziel war ein solidarisches Bewusstsein unter den Kindern.

Der Erste Weltkrieg verschlechterte die Lage. Von der „kommunalen Kriegsfürsorge“ unterstützt, stellte die Stadt „bürgerlichen Damen“ Geld und Sachmittel zur Verfügung. Damit wurden an drei Tagen pro Woche in den Herbstferien „Ferienspaziergänge“ möglich, bei denen es Getränke, Brote und andere Lebensmittel gab.

Am Ende des Krieges, 1919, waren 42 Prozent aller Kinder unterernährt. Erst in den Jahren 1923 bis 1929 besserte sich die Lage. 1928 übernahm die AWO die Freizeit, die ganztags von 8 bis 18 Uhr während der Sommerferien auf der Rosenhöhe stattfand.

Nach der AWO-Neugründung nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen bis zu 650 Kinder in den Nachkriegsjahren an den Freizeiten teil.

Die Teilnehmerzahl wuchs bis auf 700 Kinder in den fünfziger Jahren an. In den sechziger Jahren wurden für manche auch weniger verdienende Familien Urlaubsfahrten möglich. Mangelernährung spielte keine Rolle mehr. Die Zielsetzung der Ferienspiele änderte sich, pädagogische Aufgaben traten mehr in den Vordergrund. Anstelle der „Onkel“ und „Tanten“ betreuten nun Auszubildende aus sozialen Berufen und Studenten die Kinder.
Der Ferienplatz im Hainbachtal wurde seit Mitte der 70er Jahre immer besser ausgebaut. Seit 1977 nehmen auch Kinder mit Behinderungen an der Stadtranderholung teil. 1984 wurden erstmals Ferienspiele mit einem Thema veranstaltet, an dem sich die Angebote während der gesamten Zeit orientierten.

Die Zahl der Kinder stieg auf über 300, die zwischen zwei und sechs Wochen teilnehmen. Um die Angebote noch gezielter auf die Altersgruppen auszurichten, einigte man sich darauf, dass die AWO die Jungen und Mädchen im Alter von vier bis neun Jahren und der Caritasverband die ab Zehnjährigen betreut. Vor einigen Jahren übernahm der Verein „Kaleidoskop“ die Ferienspiele der älteren Kinder. Mit ihm kooperiert seit zehn Jahren auch die AWO, in dem sie ihm die pädagogische Leitung übertrug.

Der heutige Stand

Heute können über 400 Kinder in drei Phasen an der Stadtranderholung teilnehmen. Das Freizeitgelände wurde sukzessiv verbessert. Leider muss das Schwimmbad aus bautechnischen Gründen geschlossen werden. An seiner Stelle soll ein Sprühfeld entstehen, das Mittelpunkt eines Generationengartens werden soll.

Mehr als 400 Kinder nehmen an der sechswöchigen Stadtranderholung unter AWO „Raumstation Ferienspiele - schwerelos durch den Sommer“ teil: Für die letzten beiden Wochen gibt es übrigens noch einige freie Plätze. Der Teilnehmerbetrag beinhaltet Frühstück, Mittagessen, Imbiss, Eintrittsgelder und Fahrtkosten. Interessenten melden sich bei Melanie Schneider unter Tel: 069 58002-213

Als aktueller Ersatz wurden Planschbecken und Rasensprenkler aufgestellt. „Außerdem kann jedes Kind einmal mit dem Piratenboot auf dem Main fahren“, verspricht Jürgen Platt, der als Gründungsmitglied des Abenteuerspielplatzes Riederwald noch gute Kontakte zu dem Verein hat.
Auch heute sprechen viele Gründe für das Ferienangebot: Dazu zählt etwa die zunehmende Zahl von Alleinerziehenden. Sozial schwache Familien stellen ein Viertel bis ein Drittel der Kinder. Ihre Teilnehmerbeiträge werden von der Mainarbeit bezuschusst. Weil immer häufiger beide Eltern berufstätig und auf einen Betreuungsplatz angewiesen sind, nehme die Zahl der Jungen und Mädchen aus besser verdienenden Schichten zu, weiß Platt. Er freut sich über diese Mischung. Allerdings seien Kinder mit Migrationshintergrund deutlich unterrepräsentiert. Vor allem bei muslimischen Familien vermutet der Geschäftsführer Vorbehalte.

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