„Selbsterklärende“ Abfuhr

Offenbach ‐ Gemessen am Weltbild mancher Leute ist Ertan Köse ein Alptraum von einem Türken. Der Offenbacher fügt sich einfach nicht in eines der hilflosen Klischees, die Prediger für oder wider die Integration allen Zuwanderern zugeordnet haben. Von Marcus Reinsch

Köse ist selbstständiger Fotograf, er arbeitet bevorzugt für die Autoindustrie. Er hat Frau und Tochter, aber „weder vermummt noch verschleiert“. Er ist Moslem, „aber ich trinke alles und esse alles. Keiner von uns ist streng gläubig“. Er ist erfolgreich, selbstbewusst, spricht perfektes Deutsch. Kein Aber. Die Offenbacher Familie Köse hatte bisher schlicht und ergreifend kein Integrationsproblem. Dass sie jetzt doch noch eins verdauen muss, hat den Familienvater „erst baff, dann enttäuscht und schließlich traurig gemacht.“

Es war vor den Weihnachtsferien, als er in der Marienschule saß, bei einem Vorgespräch. Seine Tochter ist neun Jahre alt, wird im Februar zehn und damit reif für die fünfte Klasse. „Sie wollte sehr gerne auf die Marienschule. Ihre bisherigen Klassenkameradinnen aus der Goetheschule gehen auch dahin.“ Und auch die Schwester von Ertan Köses deutschem Trauzeugen war einst Schülerin der heute vom Bistum Mainz getragenen Schule, „sie schwärmte davon“.

Von Kirchensteuer zur Abstammung

Papa Köse allerdings „durfte nicht mal das Anmeldeformular ausfüllen“. Schulleiterin Marie Luise Trocholepczy habe - nachdem sich der Argumentetausch erst ums Thema Kirchensteuer gedreht habe - „klar gesagt, dass sie meine in Deutschland geborene Tochter nicht auf die Schule nehmen wird, weil ich muslimischer Abstammung bin.“

Ertan Köse wirkt nicht wie der Typ, dem der Begriff Diskriminierung leichtfertig oder gar reflexartig über die Lippen kommt. „Ich bin in den 40 Jahren, seit ich mit meinen Eltern nach Deutschland gekommen bin, niemals wegen meiner Herkunft diskriminiert worden“, sagt er. „Aber so etwas wie in der Marienschule ist mir auch noch nicht passiert. Ich dachte immer, Offenbach ist so multikulturell und Kirche für alle da. Wir sind zwar Moslems, aber wir sind frei in unserem Willen.

Schule: „Es gibt nur christliche Schülerinnen.“

Ihre Freiheit, einen Platz auf einer katholischen Schule zu wollen, führe in Offenbach nur zu „Frustration“, klagt Köse. Aus der Schule selbst heißt es, es gebe nur christliche Schülerinnen. 706 katholische, 317 evangelische, 62 russisch- oder griechisch-orthodoxe, serbische und kroatische Christen. Ansonsten gebe das Bistum Auskunft.

Das tut es in Person seines „sehr erstaunten“ Pressesprechers Tobias Blum. „Muslimische Kinder“, sagt er, „kommen in der Regel an katholischen Schulen nicht zum Zuge.“ Das sei eigentlich „selbsterklärend.“ Es würden stets etwa zwei Drittel katholische und ein Drittel evangelische Schülerinnen aufgenommen. Und auch da gebe es keine Garantien. An den Schulen des Bistums herrsche dermaßen Andrang, dass jedes Jahr Absagen erteilt werden müssen.

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