Prestigeobjekte statt Barrierefreiheit

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Schön nur auf den ersten Blick: der Hauptbahnhof.

Offenbach - Grüne Farbe peppt die Fassade des Offenbacher Hauptbahnhofes auf. Kaschieren kann sie den maroden Zustand des Gebäudes jedoch nur auf den ersten Blick. Und Hoffnung auf Totalerneuerung verheißt das äußerliche Verschönerungsprogramm kaum. Von Fabian El Cheikh

Dass die Deutsche Bahn sich auch noch weigert, die Fassadenerneuerung komplett zu bezahlen, ärgert den SPD-Fraktionsvorsitzenden Andreas Schneider angesichts der aktuellen Diskussion um die Finanzierung von Stuttgart 21 besonders: „Für ihr Prestigeprojekt, dessen verkehrstechnischer Nutzen weiterhin umstritten bleibt, ist die Bahn ohne mit der Wimper zu zucken bereit, einen erheblichen Teil der Mehrkosten von zwei Milliarden Euro zu tragen. Aber bei den vergleichsweise lächerlich geringen Kosten zur Fassadenerneuerung des Offenbacher Bahnhofs wird geknausert“, kritisiert der Sozialdemokrat.

Seit Jahren beschäftigt sich die Kommunalpolitik mit der Frage der Erneuerung des renovierungsbedürftigen denkmalgeschützten Bahnhofsgebäudes. Zwar hat sich das Unternehmen vor einigen Monaten entschlossen, die Verschönerung endlich anzugehen. „Dies wurde allerdings an die Bedingung geknüpft, dass die SOH 30.000 Euro von den Gesamtkosten in Höhe von 50.000 Euro übernimmt.

Schneider zeigt Verständnis, dass die Bahn in ihrer Infrastrukturpolitik Schwerpunkte setzen muss und in Verkehrsknotenpunkten größere Summen investiert. „Mir fehlt allerdings das Verständnis dafür, dass man kleinere Liegenschaften so sehr vernachlässigt. Man stelle sich einmal vor, wie viele Bahnhöfe mit den aktuell diskutierten Summen instandgehalten und saniert werden könnten und wie viele Bahnfahrer und somit Kunden davon profitieren würden.“

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Zu den Kritikern gehört auch die Seniorenhilfe. Deren Vorstandsvorsitzende Sigrid Isser erinnert an ein Investitionsprogramm aus dem vergangenen Jahr, als mit finanzieller Beteiligung des Landes Hessen auf vielen auch ländlichen Bahnhöfen Barrieren abgebaut wurden. „An Offenbach ist der Zug damals vorbeigefahren.“

Nun sei die Bahn gezwungen, bundesweit Bahnhöfe mit Fahrgastinformationen auszustatten, verweist Isser auf ein Urteil des Kölner Verwaltungsgerichts. Die Richter haben kürzlich einen Widerspruch der Bahn abgelehnt und das Unternehmen verpflichtet, bundesweit etwa 1900 der 5500 Bahnhöfe und Haltepunkte nachzurüsten. Das Eisenbahn-Bundesamt hatte den Konzern zuvor per Bescheid verpflichtet, für bessere Fahrgastinformationen auch an kleinen Haltestellen zu sorgen. Stichpunktartige Prüfungen der Behörde hatten zuvor deutliche Mängel aufgedeckt. „Was aber“, sagt Isser, „nutzen gerade unseren Mitgliedern Informationen, wenn es ihnen unmöglich ist, den Bahnsteig mit Rollator oder mit einer Gehbehinderung zu erreichen.“ Ähnlich schwierig sei es für Mütter mit Kinderwagen. „Wir erwarten mehr Druck auf den Bahnhofs-Eigentümer, damit unsere Forderungen nach Barrierefreiheit endlich umgesetzt werden.“

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