Astrid Ost gibt Führerschein ab und kritisiert Verkehrspolitik

Das Alter, das Auto und die Versäumnisse bei Rad- und Nahverkehr

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Die Offenbacherin Astrid Ost gibt ihren Führerschein quasi öffentlich ab – aus Protest gegen eine verfehlte Politik im Nah- und Fahrradverkehr.

Offenbach - Der Deutsche Anwaltsverein fordert verpflichtende Tests fürs Autofahren im Alter. Einige Städte bieten kostenlose Bustickets an, wenn Ältere den „Lappen“ abgeben. Das alles braucht Astrid Ost nicht zur Motivation: Sie verzichtet freiwillig auf die Bescheinigung, versehen mit einer Art Protestnote, den Öffentlichen Nahverkehr zu verbessern. Von Martin Kuhn 

 

Astrid Ost ist ganz offen. Ihr fällt die Rückgabe des grauen Dokuments, das sie vor 50 Jahren erhalten hat, leicht: „Ich habe seit 30 Jahren kein Auto mehr.“ Es darf als „langsamer Entzug“ bezeichnet werden und nicht als plötzlicher Verlust eines Stückchens Lebensqualität, den manche Ältere fürchten, wenn sie ihren Führerschein für immer abgeben. Die verhältnismäßig lange autofreie Zeitspanne macht Astrid Ost unweigerlich zu einer Expertin für Rad- und Nahverkehr. Und ihr Urteil für Offenbach und das Rhein-Main-Gebiet fällt nicht unbedingt gut aus.

Aber warum macht die 68-Jährige die Rückgabe quasi öffentlich? „Weil’s im stillen Kämmerlein wirkungslos verpufft“, findet sie. Dabei hat sie mit ihrem Sitz im Fahrgastbeirat bereits mehr Gewicht als der übliche Offenbacher. Aber dort sind ihre Forderungen und Argumente offenbar nicht immer gehört worden. Diesel-Skandal, Luftreinhaltepläne, Stickoxidbelastung, öffentlicher Personen-Nahverkehr, E-Mobilität – für sie hängt das alles unlösbar miteinander zusammen. Gerade das wachsende Segment der E-Mobilität (bis 2023 kaufen die OVB 36 E-Busse) empfindet sie als problematisch. „Das kommt viel zu spät, ist nicht progressiv genug“. Und sie fragt: „Wie wird der Strom denn produziert?“ Das zielt nicht allein auf die Lokalpolitik...

Wäre denn ein E-Bike für sie eine Alternative? „Wer das möchte... ich habe nichts dagegen.“ Es sei immer noch hundertmal besser als das Auto. „Aber doch nicht hier am Bieberer Berg“, lacht hier eine Radfahrerin, die allein auf ihre Muskelkraft setzt.

Aber wieder zurück in die Lederstadt. Auch am Main registriert die bald Führerscheinlose eine gewisse Angst vor der Autofahrerlobby. „Man schämt sich zu sagen: Das Fahrrad ist uns wichtiger als das Auto.“ Da lässt sie auch nicht gelten, dass in der Senefelderstraße gerade die Vorbereitungen zur ersten Fahrradstraße laufen. Es reiche nicht, ein wenig Asphalt zu bepinseln, eine Fahrradstraße ergebe wenig Sinn, wenn dort Autos parkten.

Astrid Ost schwebt eine autofreie Straße vor oder eine, auf der es eine strikte bauliche Trennung von Autos und Velos gibt – wie in einigen skandinavischen oder amerikanischen Städten. „Also baulich getrennte Fahrradwege; bis zu fünf Kilometer müssten pro Jahr in Offenbach möglich sein. Und fahrradfreundlichere Nebenstrecken.“ Es gehöre freilich Mut dazu, Flächen umzuwidmen – in erster Linie Parkplätze.

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Aber so könnte es gelingen, bereits Kinder frühzeitig ans Fahrrad als alternatives Fortbewegungsmittel in der Innenstadt zu gewöhnen. Ihre einfache Gleichung: „Je mehr mit dem Rad fahren, desto sicherer wird es.“ Auch für die 68-Jährige, die nach jahrelanger Erfahrung bekennt: „Ich fühle mich oft gefährdet.“ Ob ihre im Grunde radikalen Positionen Eingang in die Stadtpolitik finden, darf bezweifelt werden. Noch.

Ganz kurzfristig wünscht sie sich mehr praktikable und richtig platzierte Abstellanlagen für Fahrräder. Dabei muss es nicht unbedingt ein Fahrrad-Parkhaus sein. „Ein stabiler Bügel reicht; da ist das Rad in zehn Sekunden sicher angeschlossen. Ein reines Parkhaus wäre erst als zweiter oder dritter Schritt wünschenswert: „Wenn die Quote der Radfahrer gestiegen ist.“ Und sie bringt gleich eine weitere Idee mit ein: Warum nicht eine Etage eines üblichen Parkhauses umwidmen? „Viele Radfahrer wären bereit, dafür ein oder zwei Euro zu zahlen.“

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