Frauen aus Offenbach zu Brüderle-Sprüchen

„Sexismus ist allgegenwärtig“

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Rainer Brüderle hat mit seinen Sprüchen eine Sexismus-Debatte ausgelöst.

Offenbach - Der FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle hat eine deutschlandweite Debatte entfacht. Auslöser war seine Bemerkung einer jungen Journalistin gegenüber, dass sie ein Dirndl gut „ausfüllen“ könne. Von Sabrina Kristen

Müssen Frauen solche Äußerungen und zweifelhaften Komplimente über sich ergehen lassen? Diese Frage lässt auch viele Offenbacherinnen nicht kalt.  Nach Ansicht von Margareta Sticksel, Vorstandsmitglied von „Frauen helfen Frauen Offenbach e.V.“, ist Sexismus nach wie vor in der deutschen Gesellschaft allgegenwärtig. „Nicht mal vor unserer Bundeskanzlerin wird da Halt gemacht. Man denke nur an die Riesendebatte, als sie ein Kleid mit etwas tieferem Ausschnitt getragen hat“, ruft Sticksel empört in Erinnerung. Auch in der Werbung würden Frauen weiterhin als „reine Sexobjekte“ dargestellt. Aus diesem Grund sei eine Entschuldigung Brüderles „mehr als angebracht“.

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„Ist doch Quatsch“, meint Christel Reichenbach hingegen. Die stellvertretende Vorsitzende des CDU-Kreisverbands in Offenbach hält die Frauen heutzutage für viel zu emanzipiert, um sich von so einem Spruch ernsthaft einschüchtern zu lassen. „Natürlich möchte ich nicht einfach am Po angefasst werden, man darf mich aber durchaus als Frau wahrnehmen“, fügt die 68-jährige Reichenbach hinzu. Eine selbstbewusste Frau sei jederzeit in der Lage, direkt gegen sexuelle Avancen vorzugehen.

Machosprüche und Herrenwitze

„Ich seh’ besser im Dirndl aus als du in der Lederhose“, hätte Sigrid Isser auf Brüderles Aussage selbstbewusst gekontert. Sie ist Mitglied im Bundesvorstand der CDU-Frauen-Union. Machosprüche und Herrenwitze könne sie selbst gekonnt abwehren. Ein Problem sieht sie allerdings für Frauen, die beruflich in einer Abhängigkeit stehen. „Beispielsweise Verkäuferinnen müssen bestimmt häufig so anzügliche Bemerkungen über sich ergehen lassen und werden dann wohl nicht frech kontern können“, gibt die Christdemokratin zu bedenken. Dennoch nimmt Isser Brüderle ein wenig in Schutz: „Man muss schließlich auch die Baratmosphäre zu später Stunde berücksichtigen. Ein Paar Gläser Wein soll er ja auch schon intus gehabt haben“, beschwichtigt die 57-Jährige.

Helma Fischer dagegen findet: „Das war eine ungehörige Äußerung Brüderles in jeglicher Hinsicht!“ Die Leiterin der Steinmetz’schen Buchhandlung erachtet es aber generell als lobenswert, dass diese Debatte überhaupt ins Rollen gebracht wurde. „Vor allem im Zusammenhang mit den wenigen Frauen in Führungspositionen und unterschiedlichen Löhnen von weiblichen und männlichen Angestellten ist das eine erstrebenswerte Diskussion“, erklärt Fischer. Sexistische Bemerkungen entstünden oft aus männlicher Gedankenlosigkeit heraus. „Ganz schlimm sind versteckte Anspielungen. Die gibt es ja wirklich überall.“

Komplett genervt über die mediale Omnipräsenz der Debatte ist Carolin Holzamer. Die 24-jährige Studentin findet die Diskussion für sich genommen zwar gut und richtig, den eigentlichen Auslöser jedoch eher lächerlich. „Das Ganze liegt doch schon mehr als ein Jahr zurück. Brüderle ist überraschend FDP-Spitzenkandidat, da wird diese Geschichte schnell vorgekramt“, findet die junge Frau. Sich selbst schätzt sie als selbstbewusst genug ein, eine vergleichbare Situation souverän zu meistern. „Da wäre mir bestimmt ein passender Spruch eingefallen“, sagt sie schmunzelnd.

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Und was sagen Frauen aus dem Kreise der Polizei zu einem solchen verbalen Verhalten: „Flapsige Sprüche gibt es doch überall, auch mal in der Clique“, meint Andrea Ackermann. Die Sprecherin der Polizei rät Frauen dazu, sich immer sofort zu Wort zu melden, wenn sie sich gestört und verletzt fühlen. Generell ist ihrer Ansicht nach von einer positiven Entwicklung zu sprechen: „Junge Frauen und Männer sind heutzutage so harmonisch im alltäglichen Umgang miteinander. Das war vor einigen Jahren noch anders.“

Ähnlich entspannt sieht die Kabarettistin Uschi Steinbacher die Debatte. „Ob das eine sexistische Äußerung oder einfach als nettes Kompliment gemeint war, ist doch für uns Außenstehende schwer zu deuten.“ Eine Diskussion zum Thema Sexismus hält sie zwar für angebracht, doch sollte nicht jede Bemerkung gleich als anzüglich eingeordnet werden.

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