Sexualberatung von Pro Familia

Was darf ich, was muss ich?

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Bettina Witte de Galbassini bezieht in ihrer Beratung keine Stellung, sondern bleibt stets neutral, wie sie betont.

Offenbach - Manchmal sind Menschen mit ihrem Sexualleben unzufrieden. Früher wurde das oft stillschweigend hingenommen, sagt die Partnerschafts- und Sexualberaterin Bettina Witte de Galbassini. Von Fabian El Cheikh

Solange, bis die Partner auch im Alltag verstummten, mit verhärteten Fronten zusammenblieben oder sich trennten. Früher war Sex – und vor allem darüber zu reden – aber noch ein gesellschaftliches Tabu. „Heute ist das etwas, worüber man durchaus reden darf“, urteilt Witte de Galbassini – nicht von ungefähr. Mit ihr sprechen vergleichsweise viele Menschen über die körperliche Liebe, genauer gesagt sind’s immer mehr. So registriert der Verein Pro Familia, in Offenbach an der Domstraße beheimatet, einen gestiegenen Bedarf an Sexualberatungen. „Die konkrete Nachfrage steigt und generell die Bereitschaft von Menschen, sich Hilfe zu holen. “.

Der Psychoklempner, das war einmal. Heute stehen Witte de Galbassini und ihre Kolleginnen für eine professionelle Beratung, die hilft, unausgesprochene Dinge klar zu stellen. Im Interesse beider Partner. Denn wie bei vielen Dingen im Leben gilt auch beim partnerschaftlichen Sex: Je mehr Freiheiten, desto größer die Unsicherheit. „Wenn Beziehungen und Sexualität freier gestaltet werden, stellen sich irgendwann die Fragen: Was darf ich? Was muss ich? Was erwarte ich?“ Folge: Der Leistungsdruck wächst.

Bettina Witte de Galbassini spricht die viel zitierte Last an der Lust an, die einher geht mit allgemein gestiegenen Erwartungen. „Sexualität gehört inzwischen selbstverständlich zum Leben dazu und dient nicht mehr nur dem Kinderkriegen.“ Einher geht das mit der Emanzipation des weiblichen Geschlechts und gewandelten Rollenbildern. „Die Frau darf heute, was früher verpönt war, aber auch umgekehrt darf der Mann mal anders sein.“ Allein, letzterer hat vielleicht die größeren Probleme damit: „Mann zu sein, das heißt für viele, sexuell immer zu können“, erläutert Witte de Galbassini. „Unter diesem eigenen Erwartungsdruck scheitern auch mal Männer. Und wenn dann der Sex nachlässt, bekommen beide Partner schnell Zweifel und fragen sich: Werde ich noch geliebt?“

Spätestens dann sollte der Partner, besser das Paar gemeinsam, bei der Beraterin oder ihren Kolleginnen an der Domstraße das Gespräch suchen. Nicht auf einer Couch liegend, sondern im lockeren Gegenüber an einem Tisch sitzend. Die Atmosphäre spielt eine wichtige Rolle in dem Versuch, sich einer neutralen – darauf legt Witte de Galbassini Wert – Person zu öffnen.

Keine Standardantworten

Standardantworten hat die 52-jährige Ärztin und Psychoanalytikerin nicht im Repertoire. „Die gibt es nicht.“ Wenn der eine sich wundert, warum seine Frau keinen Orgasmus bekommt, die andere erstmals über ihre vermeintlich peinlichen Fantasien spricht und ein Dritter glaubt, nur mittels Internetpornos und Selbstbefriedigung sexuell ausgefüllt zu sein, muss Witte de Galbassini die persönliche Lebens- und Sexualgeschichte der- oder desjenigen genau unter die Lupe nehmen.

Wenn’s nicht so richtig klappt, liegt’s nicht selten an Kindern in einer jungen Familie, die Eltern keinen Raum, keine Zeit und Ruhe für körperliche Nähe lassen. „Dann fehlt der sexuelle Impuls. Die Vorstellung ist doch gemeinhin, dass Sex spontan geschehen muss.“ Wenn Witte de Galbassini erklärt, dass Sex auch geplant sein darf, finden das nicht wenige überraschend.

So oder so, ohne Fantasie läuft wenig: „Das größte Sexualorgan befindet sich zwischen den Ohren.“ Vieles spielt sich im Kopf ab. „Dabei gilt es zu analysieren, wer hat wann welche Bedürfnisse, was passiert und was nicht.“ Nur allzuoft hätten Partner die falschen Vorstellungen von dem, was der andere erwartet. Manchmal sind es vergleichsweise banale Dinge, ist es dem einen zu kalt, ist der andere zu kitzelig oder schlichtweg abgelenkt – denkt ans Kind, an die Arbeit oder an frühere sexuelle Erfahrungen. „Kompliziert wird es, wenn Altlasten bestehen, wenn Partner eine schwierige Kindheit hatten oder gar Gewalt in einer Beziehung erfahren haben. Das ist gar nicht so selten.“ Dann gilt es zu analysieren, wie solche Szenarien in Zukunft verhindert werden können.

Ein erstes unverbindliches Beratungsgespräch kostet 15 Euro für Einzelpersonen, 20 Euro für Paare. Pro Familia bietet aber auch Verhütungs- und medizinische Beratung an. Mehr Infos zu den Angeboten im Internet.

Erfolgreich ist eine Beratung vor allem, wenn beide Partner daran teilnehmen. Zwingend erforderlich ist das aber nicht. „Schon wenn einer was bewegt, bewegt sich was in der Partnerschaft.“ Vorschriften machen die Beraterinnen nicht, sie geben nur Handlungsempfehlungen, halten den Spiegel vor Augen. „Wir mischen uns nicht ein, nehmen keine Partei ein. Der Mann muss nicht fürchten, dass wir grundsätzlich der Frau Recht geben. Auch das erstaunt viele."

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