Sexualpädagogen von Pro Familia

Redebedarf nach wie vor groß

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Sexuelle Gewalt hat viele Facetten. Um Kinder und Jugendliche, aber auch Eltern und Erzieher zu sensibilisieren und Sicherheit im Umgang mit Grenzen zu geben, bietet Pro Familia Workshops und Fortbildungen an. Florian Schmidt und Humayra Noori von Pro Familie haben ein offenes Ohr für die Anliegen von Kindern und Jugendlichen.

Offenbach  - Mit Fremden über Gefühle, Mobbing, Nacktfotos oder Sexualität sprechen? Nicht leicht. Das wissen auch Humayra Noori und Florian Schmidt. Die Sexualpädagogen  von Pro Familia  wollen trotzdem genau das erreichen. Von Jenny Bieniek 

Regelmäßig klären sie Kinder und Jugendliche in Workshops und Schulklassen-Veranstaltungen über Sexualität  selbst, aber auch Formen sexueller Gewalt auf, sprechen Themen wie Selbstbestimmung und die Wahrung eigener Grenzen an. Auch Homophobie, Online-Flirts und Pornografie aus dem Internet werden thematisiert. Im Jahr 2013 hat das Pro Familia-Team in Offenbach auf diese Weise 1150 Heranwachsende erreicht. Dabei zeigt sich immer wieder: Auch wenn die Jugendlichen durch den permanenten Medienzugang womöglich bestens Bescheid wissen, besteht durchaus Redebedarf. „Kinder und Jugendliche sind heute zwar auf vielen Ebenen weiter als früher, dafür wird ihnen heute aber auch mehr abverlangt“, weiß Sexualpädagoge Schmidt. Denn während es früher eine klar definierte Sexualmoral gab, gehe es heute nur noch um individuelle Absprachen. „Es gibt kaum Tabus mehr. Erlaubt ist, was von beiden Seiten gewollt ist.“

Umso wichtiger sei es, dass Jugendliche wüssten, was sie wollten und was nicht - und dies klar benennen könnten. Nur so könne Missbrauch verhindert werden. „Wir wollen die Schüler darin bestärken, auf ihr Bauchgefühl zu hören, wenn ihnen etwas komisch vorkommt“, erklärt Kollegin Humayra Noori. Präventionsarbeit fange deshalb schon beim Erkennen von Gefühlen und Grenzen anderer an. „Die neuen Medien bieten leider auch neue Mobbingmöglichkeiten“, so Schmidt. Durch Handyfotos aus der Umkleide etwa kann es schnell zu sexuellen Grenzverletzungen unter Gleichaltrigen kommen. Medienkompetenz ist deshalb ein wichtiger Grundstein. Um besser auf die jeweiligen Bedürfnisse einzugehen und Schamgefühle einzugrenzen, werden Mädchen und Jungs bei den Treffen getrennt. Dass Noori und Schmidt mit ihren 27 und 35 Jahren noch recht nah dran sind an ihrer Zielgruppe, erleichtert die Arbeit. „Bei jungen Beratern sind die Schüler entspannter und verlieren schneller ihre Hemmungen.“

Abgrenzung zur Schule hilfreich

Zwar gehen die beiden mit den verschiedenen Präventionsprojekten  auch an Schulen. „Besser ist es aber, wenn die Klassen und Jugendgruppen zu uns kommen und nebenbei gleich unsere Beratungsstelle kennenlernen“, sagt Schmidt. Nicht nur, weil für derart persönliche Themen eine Abgrenzung zum Schulalltag hilfreich sein kann. Wer die Räume schon kennt, sucht bei eigenen Anliegen vielleicht eher das Gespräch mit den Experten. Dass der Bedarf nach erwachsenen, außenstehenden Ansprechpartnern da ist, zeigt auch die große Resonanz der offenen Jugendsprechstunde (Mittwochs, 16 bis 17 Uhr). „Die Anfragen sind deutlich gestiegen“, resümiert Schmidt, der bereits seit neun Jahren für Pro Familia arbeitet und wie seine Kollegen der Schweigepflicht unterliegt. Ob Fragen zu Verhütung, Geschlechtsumwandlung oder der Wiederherstellung von Jungfernhäutchen - „Mich überrascht nichts mehr.“

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Weil es auch bei Eltern und pädagogischen Fachkräften Unsicherheiten im Umgang mit Grenzüberschreitungen und der Einschätzung von Alltagssituationen gibt, bietet Pro Familia auch für sie Fachberatungen, Info-Veranstaltungen und Fortbildungen an. In der Domstraße weiß man: Viele Eltern befürchten, mit ihren Einstellungen nicht mehr zeitgemäß zu sein. Die Experten vertreten dazu eine klare Meinung: „Eltern sollten bewusst Grenzen setzen. Nicht alles ist diskutierbar.“ Zwar sei es wichtig, als Gesprächspartner jederzeit zur Verfügung zu stehen. „Das heißt aber nicht, dass man alles tolerieren und erlauben muss.“ Kontakt: Pro Familia, Domstraße 43, Tel. 069-85096800, offenbach@profamilia.de

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