Sexualpädagogische Angebote von Pro Familia

Wenn zu viel Sex verunsichert

+
Ria Ellers und Humayra Noori von Pro Familia beraten Jugendliche zu Sexualität, unter anderem mit dem „Verhütungskoffer“.

Offenbach - Wird man vom Küssen schwanger? Wieviel Luft passt in ein Kondom? Und wie geht das mit dem Eisprung vor sich? Wenn Kinder und Jugendliche Fragen zur Sexualität stellen, unterscheiden sich diese kaum von den früheren Generationen. Von Veronika Schade

Die Vermittlung von sexualpädagogischen Grundlagen gehört zum Kernangebot bei Pro Familia. Doch auch neue Projekte sind hinzugekommen, wie Internet und Sexualität, Homosexualität und Schönheitswahn.

Erfolg haben dank gutem Aussehen und Schlankheit, die Konkurrenz beim Casting ausstechen. Das Fernsehformat „Germany’s Next Top Model“ zieht Millionen weibliche Zuschauer in den Bann. „Schon Mädchen ab sechs Jahren schauen das, es ist sehr beliebt, immer Thema auf dem Schulhof“, sagt Humayra Noori, Sexualpädagogin bei Pro Familia Offenbach. Deshalb heißt ein neues Angebot der Beratungsstelle „Offenbach’s Next Top Girls & Boys“ – in Anlehnung an die Sendung. „Auf einen solchen Namen springen die Jugendlichen an.“

„Es herrscht eine Übersexualisierung“

Was dann folgt, ist keineswegs Schwärmerei über Heidi Klum und Co., sondern eine kritische Auseinandersetzung mit dem medialen Körperwahn und der Selbstwahrnehmung. „Wenn die Mädchen die Show ansehen, verschlechtert sich ihr Körperbild“, weiß Noori. Das kann zu Essstörungen bis hin zu Bulimie führen. „Offenbach’s Next Top Girls“ will die oft verzerrte Wahrnehmung dafür, was ein gesunder Körper ist, ins Lot bringen. Beim männlichen Pendant werden Beispiele aus der Männerwelt genommen. Wie David Beckham, dessen Figur und Tattoos viele junge Männer als vorbildlich betrachten.

Die Welt des Internets und der neuen Medien stelle die Jugendliche vor ständige Herausforderungen – nicht nur in Bezug aufs eigene Aussehen, sondern auch auf Sexualität. „Es herrscht eine Übersexualisierung, überall gibt es Informationen“, sagt Geschäftsführerin Ria Ellers. Dieses Überangebot erzeuge bei der Gesellschaft den Eindruck, die Jugend sei aufgeklärter als je zuvor. Doch das entspreche nicht den Tatsachen. „Gerade die Informationsflut verunsichert viele“, so Ellers. Im Internet würde Sexualität oft so dargestellt, dass Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen. „Ein großes Thema ist deshalb, was überhaupt normale Sexualität ist. Dass es um Gefühl und Liebe geht, darum, sich aufeinander einzulassen.“ Ein eigenes Angebot befasst sich mit Internet und Sexualität. Dabei spielt unter anderem sexualisierte Gewalt eine Rolle. Prinzipiell seien bei den Grundlagen-Kursen die Fragen kaum anders als vor 20, 30 Jahren. Wie macht sich Verliebtheit bemerkbar, was passiert bei der Menstruation?

Kinder sollen früh lernen, Grenzen zu setzen

Die sexualpädagogischen Angebote von Pro Familia richten sich an Kinder und Jugendliche von der Kita bis zur Oberstufe. Dabei werden sie ihrem Alter entsprechend betreut und nach Geschlecht getrennt. Für die Mädchen sind stets weibliche, für die Jungen männliche Pädagogen zuständig. „Dann fällt es den Jugendlichen leichter, sich zu öffnen“, erläutert Noori. AuWichtig: „Es läuft anonym ab. Wir stehen unter Schweigepflicht.“ Lehrer sind nicht anwesend. Außer bei Kitakindern und Förderschülern, für die eine Trennung von der Vertrauensperson zu viel Stress bedeuten würde.

Infos zu ProFamilia gibt es im Internet.

Mit einigen Schulen besteht eine intensive Zusammenarbeit. „Alles steht und fällt mit engagierten Lehrern und Eltern“, sagen Ellers und Noori. Manchmal besuchen sie vorher Elternabende, um mögliche Bedenken auszuräumen, etwa in Familien mit Migrationshintergrund. „Wir machen Aufklärungsunterricht, keinen Sexunterricht.“ Mitunter würden Eltern von jüngeren Kindern befürchten, „schlafende Hunde zu wecken“. Ellers verweist darauf, dass es darum geht, eine eigene Position zum Thema einzunehmen: „Kinder sollen frühzeitig lernen, Grenzen zu setzen. Das beginnt beim Küsschen auf die Wange.“

Ein weiteres Angebot ist das „Lesbischwule Schulprojekt“, das seit vier Jahren besteht und sich mit Homosexualität befasst. „Die Nachfrage ist überraschend groß“, freuen sich die Kolleginnen. Pro Familia finanziert sich übers Land und kommunale Unterstützung, einen Teil bilden Eigeneinnahmen aus den Schul-Angeboten und Beratungsgesprächen. 2012 gab es allein in Offenbach mehr als 2000 Einzelberatungen.

Jeden Mittwoch bietet die Anlaufstelle an der Domstraße 43 offene Jugendsprechstunden von 14 bis 17 Uhr an. Dort treffen die Pädagogen manchmal bekannte Gesichter. „Wer schon mit der Klasse hier war, traut sich eher, wiederzukommen“, so Noori. Neu ist der Facebook-Auftritt. Und für den internationalen Mädchentag am 11. Oktober gibt es jede Menge Pläne...

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare