Man ist sich nicht grün

+
Eine erste Maßnahme, die die Verwaltung umsetzt: Der Mainradweg zwischen Bürgel und Rumpenheim wird verlegt und verbreitert.

Offenbach -  Gibt’s ein besseres Grün; also grüner als grün? Umweltexperten sagen: Ja. Der Logik können nicht alle folgen. Im Mainbogen ist Ärger programmiert. Von Martin Kuhn

Die Verwaltung hat einen denkbar sperrigen Begriff gewählt: „Freiraumentwicklungskonzept Bürgel-Rumpenheimer Mainbogen“ - ohne Bindestrich, Komma oder Punkt. Ein Konzept ist eigentlich ein erster Entwurf, die Vorstufe einer Theorie.

Die gut 50 Bürgeler, die zur Informationsveranstaltung des SPD-Ortsvereins ins WSV-Bootshaus gekommen sind, fürchten indes, dass die Stadt da viel weiter ist, als sie sagt. Die Reiter sehen das Aus für ihr angestammtes Areal, die Kleingärtner bangen um ihre Parzellen.

Oberbürgermeister Horst Schneider muss an diesem Abend mehr als einmal den „Blitzableiter“ spielen. Nicht unbedingt die Lieblingsrolle eines Verwaltungschefs; die Idylle des Mainufers trügt an diesem Abend, vom konstruktiven Dialog, so gewinnt der Beobachter den Eindruck, ist man weit entfernt.

Schneider versucht zu Beginn, den Blick von persönlichen Befindlichkeiten aufs überregionale Ganze zu lenken - es soll ihm nicht ganz gelingen. Er beschreibt Offenbach als kleines, hoch verdichtetes Stadtgebiet. Für die Aufenthalts-Qualität sei es daher wichtig, keine planlose Zersiedelung zuzulassen. Schneider: „Wir dürfen nicht die letzten Freiflächen bebauen, Lebensraum beseitigen - das ist die Grundphilosophie.“

Diese nehmen einige gern auf. Eine Bürgerin bringt’s auf den Punkt: „Hier im Mainbogen ist es schön, wie es ist. Lassen wir es doch einfach so.“

Ganz so einfach scheint es nicht. Der Oberbürgermeister weist auf übergeordnete Gremien (Regierungspräsidium, Planungsverband, Regionalpark) hin, die ein weit größeres Gebiet im Blick haben, das nicht an einzelnen Gemarkungsgrenzen endet. Daraus ist das Freiraumentwicklungskonzept entstanden - „ohne Schlusspunkt“, wie Schneider betont. Nach einer Bestandsaufnahme formulierten seine Fachämter Ziele, „wie man den Raum für viele Menschen qualitativ weiter entwickeln kann“. Im Herbst setzt die Stadt erste Maßnahmen um: Der Radweg zwischen Bürgeler Bootsanleger und etwa Mitte des Mainbogens wird verlegt und verbreitert. Der Bürgeler Sozialdemokrat Leo Büdel: „Endlich. Ich halte alle Nutzer - Spaziergänger, Radler, Skater - für gleichberechtigt. Dafür ist es jetzt zu eng.“

Der so genannte Mainblick und der östliche Zugang zum Schlosspark Rumpenheim werden gebaut. Da grummelt’s leise. Lauter wird’s, als die Mitglieder des Reit- und Fahrvereins Rumpenheim zum wiederholten Mal auf eine Beantwortung ihrer Fragen drängen: Was wird aus uns? Können wir auf dem angestammten Areal bleiben? Es gibt auch an diesem Abend keine für sie befriedigende Antworten. Die Stadt sucht auf Anweisung des Regierungspräsidiums einen neuen Standort, da der alte im Überschwemmungsgebiet des Mains liegt und zudem durch eine Altlast vergiftet sein soll. „Eine Probebohrung gab’s aber immer noch nicht“, sagt Dr. Michaela Kipper. Sie stellt den Behörden ein weiteres schlechtes Zeugnis aus: „Auf dem ersten uns zugedachten Ersatzgrundstück steht ein Wohnhaus.“ Da schmunzeln viele.

Kurz darauf schütteln sie nur noch den Kopf - nicht ohne Grund. Das Entwicklungskonzept greift auch im Kuhlmühlgraben. Dort soll eine etwa 500 Meter lange Ackerfläche ökologisch aufgewertet werden. Eine Maßnahme, die der naturschutzrechtlichen Ausgleichskonzeption entspringt. Kurz gesagt: Wer Beton gießt, muss Grün schaffen, natürlich an anderer Stelle im Stadtgebiet. Das wird beispielsweise notwendig für den Bau des Logistikzentrums der Städtischen Klinikums in Waldhof. Diese Mittel lenkt die Stadt unter anderem verstärkt in den Kuhmühlgraben.

Feld als Störfaktor in der Landschaft? Das kann ich nicht verstehen“, bekundet eine junge Dame. Drastischer ist da ein älterer Herr: „Grün für Grün - wem nutzt das? Das ist doch Verschwendung von Steuergeldern.“ Weitere Schlagworte aus dem Auditorium: „Mogelpackung.“ „Augenwischerei.“ Ute Habelt, Fachreferentin aus dem Umweltamt, versucht, es zu erklären: „Felder werden gedüngt - das wirkt sich negativ aus. Was wir planen, hat eine höhere ökologische Wertigkeit.“ Das reicht dem Bürger mitnichten als Antwort: „Sie haben keine Ahnung. Es ist ungezogen, dem Landwirt seine Existenzgrundlage entziehen.“ Das ist selbst dem geduldigsten Blitzableiter zu viel: „Stellen Sie hier nicht die Fachkompetenz in Frage“, stärkt Schneider demonstrativ und sichtlich aufgebracht seinen Mitarbeitern den Rücken.

Wenig Verständnis bringt er auch der Familie entgegen, die seit 20 Jahren um ihren Kleingarten kämpft und nun ihre Scholle räumen musste. „Sie sagen’s selbst: Wir hatten unendlich viel Geduld.“ Seit Ende der 80er-Jahre fordert wiederum die übergeordnete Instanz die Stadt auf, alle illegalen Gärten im Außenbereich, sprich: Grünbereich zu beseitigen. Rosa Kötter, Vorsitzende des SPD-Ortsvereins, atmet wenig später durch und bilanziert „Wir wussten um die Kontroversen. Aber gerade deshalb suchen wir mit solchen Veranstaltungen den Kontakt zu den Bürgern.“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare