„Sie da, helfen Sie mal!“

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Einschreiten oder weggucken? Im Seminar „Bei Gefahr helfen“ zeigen Heinz Pawlowske und Armin Jedlitschka Situationen, in denen sich Beobachter entscheiden müssen, was sie tun und was sinnvoll ist.

Offenbach ‐ Wer allgemeines Kopfschütteln auslösen möchte, erzählt auf einer Party oder in einer Talkshow die Geschichte vom Täter und seinem Opfer, die in dem Schlusssatz mündet: „Und niemand hat geholfen.“ Das Unterlassen empfinden dann alle als schändlich. Und in der Empörung schwingt mit: „Ich wäre eingeschritten.“ Von Stefan Mangold

Die Realität sieht anders aus. Jedoch auch nicht so, dass nie jemand hilft, dass immer alle wegsehen und weiterlaufen. Doch wenn eine Situation schnell deeskaliert, weil sofort Leute einschreiten, steht das später nur selten in der Zeitung. So wie der Fall von 1997 in Frankfurt, als Räuber einer älteren Frau die Handtasche entrissen. Die fiel hin und verletzte sich. Kein Passant sah sich bemüßigt, der Seniorin auf die Beine zu helfen - und auch nicht, Polizei und Notarzt zu rufen. Die Seniorin schleppte sich in eine Arztpraxis. Aus diesem Anlass entstanden in Frankfurt ein Präventivrat und die Aktion „Gewalt-Sehen-Helfen“. Später übernahm das Ordnungsamt in Offenbach die Idee.

Überraschend, erschreckend: „Je mehr Leute etwas beobachten, desto geringer ist die Chance, dass jemand aktiv wird,“ erklärte der Polizist Peter Bender, Leiter des Polizeiladens gegenüber dem Rathaus, während des Seminars „Bei Gefahr helfen“. Das ging, initiiert von Ordnungsamt und Polizei, am Freitag und Samstag in den Räumen des Volkshochschule in der Berliner Straße über die Bühne.

Teilnehmern sogar aus Bayern und Baden-Württemberg

Befänden sich in der Nähe eines Gefahrenherdes besonders viele Menschen, würde jeder denken, „ein anderer macht schon was.“ Am Ende handele niemand, rufe keiner die Polizei an. Deshalb sei es wichtig, die Menschen aus ihrer Anonymität herauszuholen, sie anzurufen mit Sätzen wie „Sie mit dem blauen Hemd, helfen Sie!“

Das Thema der Gewalt im öffentlichen Raum stößt auf breites Interesse. Von den 17 Teilnehmern waren sogar welche aus Bayern und Baden-Württemberg nach Offenbach gereist. Peter Bender leitete das Seminar zusammen mit der Diplompädagogin Yvonne Lahner vom Zentrum Wildhof, einer Fachstelle für Suchtprävention.

Anfangs fragten die Leiter die Teilnehmer nach deren Motivation. Eine Frau erklärte, sie müsse oft beruflich mit Leuten in einem sozialen Brennpunkt in Frankfurt verhandeln. Darunter befänden sich Charaktere, die dazu neigten, die sprachliche Ebene im Diskurs zu verlassen. „Ich will lernen, in so einem Fall angemessen und ruhig zu reagieren.“ Wobei Peter Bender generell bemerkte, ein Patentrezept zur absoluten Sicherheit gebe es nicht. Bender erzählte von Bürgern, die im Polizeiladen nach Broschüren fragten, in denen stünde, „wie sie sich zu hundert Prozent vor einem Einbruch schützen können.“ Nach denen suchten sie, natürlich, vergeblich.

Heikle Situationen werden durchgespielt

Am Samstag spielten die Teilnehmer heikle Situationen durch. Sie setzten sich zum Beispiel mit absichtlichem Anrempeln auseinander. Dafür gelte als Faustregel, „Kein Einstieg ist der beste Ausstieg.“ Das Klügste sei es, die Provokation zu ignorieren.

Bei einem weiteren Spiel platzierten sich Jugendliche in der S-Bahn gegenüber einer Frau. Die beiden redeten übertrieben laut und unangenehm, legten die Füße mit den Sohlen voran auf die gegenüber liegenden Sitzbänke. Nervige Zeitgenossen, die niemand in der Nähe braucht. Hier rät Yvonne Lahner, Passanten sollten keinen Kontakt zu den Jugendlichen aufnehmen, sondern der Frau anbieten, sich zu ihnen zu setzen. Dadurch könnten sie vermeiden, sich selbst als Opfer anzubieten. Es sind jedoch auch Fälle denkbar, während derer es sich grundsätzlich empfiehlt, nicht einzuschreiten. Wenn Leute etwa einander mit Messern attackieren oder aufeinander schießen. Auch könne man nicht von jedem Bürger verlangen, „im Winter in voller Montur von der Carl-Ulrich-Brücke in den Main zu springen“, wenn sich dort jemand in Selbstmordabsicht hinunterstürze.

Und auch ihm als Polizisten, warf Peter Bender ein, käme es nicht in den Sinn, sich zwischen „zwei Gruppen zu stellen, die mit Maschinenpistolen aufeinander ballern, um 'Schluss jetzt' zu rufen.“

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