Siebenminütige Ewigkeit

Bieber ‐ Ein paar Einbrüche im Schutz der Dämmerung. Einige Kaputtmacher, nach deren Lust an der Plünderung von Fahrscheinautomaten man die S-Bahnhofsuhren stellen könnte. Von Marcus Reinsch

Ab und zu ein Zeitgenosse, der einem anderen seine Sicht der Dinge mit Fäusten erklärt statt mit Worten: Kriminalstatistisch ist Bieber weder eine Insel der Glückseligen noch ein Sumpf, in dem aller Glaube an das Gute im Menschen versinken müsste. Die wirklich großen Krimis, die gibt es hier üblicherweise nur in Buchhandlungen. 

Das trägt dazu bei, dass der bewaffnete Raubüberfall auf das Schreib- und Tabakwarenfachgeschäft in der Aschaffenburger Straße am Samstag bis heute Ortsgespräch ist. Denn der Täter war echt, sein Messer war echt, der Großeinsatz der Polizei war echt. Und dass der Schock für die Opfer echter nicht sein könnte, wird klar, wenn Horst Lubba erzählt, was seine Frau in sieben ewigen Minuten durchlitt.

Sabine Lubba übernahm den Laden vor zweieinhalb Jahren. Sie mehrte die Kundschaft, steckte die Folgen eines nächtlichen Einbruchs in der Anfangszeit weg, freute sich schon auf den Nikolaustag, der immer einer der umsatzstärksten des Jahres ist. Die Kunden wollen nicht nur Zigaretten, Zeitschriften, Fahrscheine, sie wollen auch Geschenke, Grußkarten, etwas Besonderes.

Täter kam nur 20 Minuten nach Ladenöffnung

Letzteres haben sie leider von einem Mann bekommen, der auch dafür sorgte, dass Sabine Lubbas Nikolaus-Bilanz diesmal wenig feierlich ausfällt.

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Glas klirrte zu laut

8.50 Uhr. Der Räuber - etwa 1,75 Meter, schlank, schwarze Hose, dunkle Jacke, Maskerade mit Sehschlitzen - stürmt ins Geschäft, in dem die Chefin, ihre ebenfalls hier arbeitende Schwägerin und in einer Ecke, für den Täter nicht zu sehen, eine Kundin sind. Horst Lubba: „Der Mann bedrohte meine Frau und meine Schwester mit einem sehr langen Messer, drängte sie zur Kasse. Der stand sichtbar unter Druck; niemand wusste, ob der gleich durchdreht.“

Ein kühler Kopf war‘s zumindest nicht. Und wohl auch kein heller. Dass ein Täter nur 20 Minuten nach Ladenöffnung zuschlägt, wenn außer dem Wechselgeld noch nicht viel in der Kasse ist, spricht nicht für einen Profi. Eher für einen Drogensüchtigen, der schnell Geld für den nächsten Schuss braucht. Aber das bleibt Vermutung. So oder so: Der Mann ist unglücklich mit nur einigen hundert Euro, fuchtelt mit dem Messer, fordert immer wieder „mehr Geld, mehr Geld, mehr Geld“. Er hat auch in den Privattaschen seiner Opfer Pech, schreit Kunden, die zur Tür herein wollen, an: „Überfall, rausrausraus!“ Weiß nun, dass die Polizei gleich hier sein muss und wird „immer nervöser“. Nervöse Kriminelle sind gefährliche Kriminelle. Er zwingt die Frauen, ihm Zigarettenstangen in die zwei riesigen Taschen zu packen, die er dabei hat, greift auf dem Weg nach draußen einen dicken Stapel Rubbellose, verschwindet Richtung S-Bahnhof.

Kunden sprechen ihren Trost aus

Wenig später ist die Polizei da, die Fahndung läuft, Streifenwagen fahren mit Zeugen die Straßen ab, der Hubschrauber späht eineinhalb Stunden - vergebens. Ob es einen Komplizen gab, einen Schmieresteher mit Fluchtfahrzeug? „So denke ich es mir“, sagt Horst Lubba. „Aber wer weiß das schon.“ Was er weiß ist, „dass zum Glück auch meine Schwester da war. Das alleine durchzustehen, wäre sicher viel schlimmer gewesen.“

Es ist auch so schlimm. Nach dem Überfall ist der Laden erstmal fast bis Mittag dicht, die Spurensicherung ist drin, Horst Lubba ist draußen und erklärt der Kundschaft die Situation. Der Umsatzausfall ist vermutlich größer als die Beute des Räubers. Lubba, beschäftigt bei der Berufsfeuerwehr, ist dankbar für die Mühe der Polizei und für das unkomplizierte Entgegenkommen, mit dem der Tabakgroßhändler die Regale mit dem Nötigsten wieder auffüllte. Vor allem aber ist er dankbar für die Menschlichkeit, die seiner Frau Sabine nach diesen unmenschlichen Minuten von Mitarbeitern ebenso wie von Unbeteiligten zuteil wurde. „Viele Kunden haben ihr Trost zugesprochen. Das ist das Schöne an Bieber, weil hier noch jeder jeden kennt.“

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