Standort Offenbach in Gefahr

Siemens entfacht Kulturdebatte

+

Offenbach - Siemens gehört zu den größten Arbeitgebern in Offenbach, doch der Standort ist in Gefahr. Setzt nämlich die Konzernspitze offenbar schon weit gediehene Verlagerungspläne um, stehen mehrere hundert hochwertige Stellen auf der Kippe - am Kaiserlei ebenso wie in Erlangen. Von Marc Kuhn

Ein Siemens-Mitarbeiter, der nicht genannt werden will, macht im Gespräch mit unserer Zeitung deutlich, dass es innerhalb der Offenbacher Belegschaft angesichts dieser Perspektiven gewaltig rumort. Viele Mitarbeiter zweifeln zum einen massiv am Sinn der Einsparpläne des Managements. Zum anderen werfen sie der Konzernleitung vor, ohne Not eine Diskussion über deutsche Ingenieurskunst, eine Art Kulturdebatte, zu entfachen

Sicher ist: Die Energiewende, ein schlechtes Kraftwerksgeschäft und Einbußen im Handel mit Atomkraftwerks-Technik setzen dem Technologie-Konzern kräftig zu. Siemens-Chef Peter Löscher will deshalb das Unternehmen mit einem radikalen Sparkurs wieder profitabel machen. Sechs Milliarden Euro müssen 2013 und 2014 eingespart werden. Die Hälfte davon in der Energiesparte.

700 Menschen arbeiten in Offenbach

Etwa 700 Menschen arbeiten in Offenbach im Bereich „Energy Solutions“. Er ist innerhalb des Sektors „Energy“ des Elektroriesen Siemens zuständig für den schlüsselfertigen Bau von fossil befeuerten Kraftwerken in den Regionen Mittlerer Osten, Asien und Afrika sowie des französisch sprechenden Teils in Europa. Der verkündeten Strukturanpassung des gesamten Bereichs „Energy Solution“ sollen 625 Arbeitsplätze zum Opfer fallen, 275 davon in Offenbach. 170 Stellen werden bereits wegen der aktuellen Flaute im Auftragseingang gestrichen. Insgesamt sollen in Offenbach und Erlangen etwa 1 000 Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren.

Weil in Europa nicht mehr genug Kraftwerke verkauft würden, dafür aber in Asien, argumentiert der Konzern, soll die Mannschaft in Offenbach erheblich reduziert und gleichzeitig in Korea ein neues Energiegeschäft aufgebaut werden. Der europäische Markt sei auf Dauer geschwächt, meint ein Siemens-Sprecher. Und: „Wir müssen kostengünstiger werden, weil aufgrund des harten Wettbewerbs die Preise in Asien gefallen sind.“ Der Sprecher bestätigt den Arbeitsplatzabbau, ohne konkrete Zahlen zu nennen. Es soll nicht zu betriebsbedingten Kündigungen kommen.

Der Betriebsrat wagt sich nicht aus der Deckung: Er spricht von einer „bedrohlichen Situation für die Mitarbeiter“, will sich aber mit Verweis auf aktuelle Verhandlungen mit dem Unternehmen nicht weiter äußern.

Analysten und Spekulanten

Immerhin ist der Gewerkschaft ein wenig mehr zu entlocken: „Der Margenfetischismus, der bei Siemens Einzug gehalten hat, mag kurzfristig die Analysten und Spekulanten befriedigen“, sagt Armin Schild, Leiter des IG-Metall-Bezirks Mitte. Auf mittlere Sicht helfe er aber weder den Beschäftigten noch dem Unternehmen. Schild: „Wir fordern einen Kurswechsel, bei dem die strategische Perspektive für Siemens und nicht der kurzfristige Erfolg auf dem Börsenparkett im Mittelpunkt steht.“

„Wir sind ratlos“, bekennt unterdessen der Siemens-Insider im Gespräch. Auch auf Betriebsversammlungen habe das Management die Mitarbeiter nicht vom Sinn der Umbaupläne überzeugen können. Die Verlagerung nach Korea diene nur dazu, die vom Vorstand geforderten drei Milliarden Euro einzusparen, meint er. Das gehe aber nur auf dem Papier auf. Ein koreanischer Ingenieur sei schließlich genauso teuer wie ein deutscher, so der Siemens-Mitarbeiter. Von hohen Löhnen in Südkorea spricht auch Marita Weber, die erste Bevollmächtigte der IG Metall in Offenbach: „Eine Verlagerung macht keinen Sinn.“

Wenn es darum geht, die Argumentation der Geschäftsleitung nachzuvollziehen, lautet für die Siemens-Belegschaft eine der an ihrem Selbstverständnis nagenden Kernfragen: Sind koreanische Ingenieure besser als deutsche Ingenieure? „Mitarbeitern wurde seitens der Geschäftsleitung gesagt, das koreanische Weltbild wäre für das Geschäft geeigneter“, berichtet der Siemens-Mann. „Dass hier nur mit kulturellen Unterschieden argumentiert wird und nicht mit harten Zahlen und Fakten, treibt uns noch in den Wahnsinn.“ Er spricht davon, dass Siemens damit eine Kulturdebatte lostrete, und dies kurz vor der heißen Phase des Wahlkampfes: „Bundeskanzlerin Merkel müsste der Hut hochgehen, wenn sie mitbekommen würde, dass aufgrund dieser Argumentation Hunderte Arbeitsplätze in Deutschland abgebaut werden und das zu Lasten der Steuerzahler. Von den zukünftigen fehlenden Gewinnsteuern einmal ganz zu schweigen.“

„Vor allem ein strukturelles Thema“

Der Siemens-Sprecher, den wir mit den Vorwürfen konfrontieren, sagt dazu: „Es ist vor allem ein strukturelles Thema, die Lohnkosten alleine sind es nicht.“ Der Konzern wolle die Wertschöpfung steigern. Das „Gesamtpaket“ sei in Korea günstiger. So wolle Siemens beispielsweise mit der Beschaffung vor Ort Kosten senken. Das Argument sticht indes für den Insider nicht: Der Einkauf auf breiterer Lieferantenbasis, wie er den deutschen Mitarbeitern vorgehalten werde, sei längst auch in Deutschland Praxis.

Auch andere Argumente der Geschäftsleitung werden in Zweifel gezogen. Ein Beispiel aus dem Siemens-eigenen Firmennetz, wo in einem Blog die Geschäftsleitung argumentiert, dass bei den Koreanern die Kraftwerkslösung im Design auf das Allernötigste beschränkt sei. Der Mitarbeiter entgegnet: „Können wir auch. Allerdings gibt es vom Management gesetzte Rahmenbedingungen, die dem entgegen stehen. Wenn das Management die Freigaben geben würde, dann wäre es ein Leichtes, das Geforderte umzusetzen.“

Weiteres Beispiel für die nicht nachvollziehbare Haltung des Managements: Die Asiaten seien mit Ingenieuren in der kritischen Phase eines Kraftwerkbaus vor Ort, heiße es. Die Offenbacher Siemens-Mannschaft sei aufgrund des höheren Standardisierungsgrades mit weniger Fachleuten und damit kostengünstiger auf den Baustellen vertreten, hält der Mitarbeiter entgegen.

Von Apple bis Zewa: Das steckt hinter den Markennamen

Von Apple bis Zewa: Das steckt hinter den Markennamen

Noch eine Vorhaltung: Die Asiaten hätten eine „klare Ziel-Preis-Einschätzung“ und würden einen „deutlich aggressiveren Risiko-Ansatz“ verfolgen. „Sollen wir Risiken vernachlässigen, und wer definiert eigentlich die Risikofreude?“, fragt der Siemens-Mann. Schließlich würden in unzähligen Runden mit dem Management die Risiken besprochen und letztlich werde die Risikobereitschaft durch das Management entschieden. Die Mitarbeiter zeigten die Risiken nur auf. Und: „Was und vor allem wie soll ein koreanischer Mitarbeiter von Siemens dies besser machen als ein deutscher, wenn die Rahmenbedingungen des Managements identisch sind?“

Der Insider sorgt sich nicht nur um seinen Arbeitsplatz, sondern als Aktionär auch um den gesamten Geschäftsbereich Energy, dem bei dieser Strukturanpassung eine klare zukunftsorientierte Strategie und die Nachhaltigkeit fehlt. Außerdem: „Was ist, wenn die Verlagerung schiefgeht?“ Schließlich nutze Siemens für die Kraftwerke Produkte aus eigenen Werken und übernehme den Service. Probleme in Korea würden also hiesige Standorte zu spüren bekommen.

Auch für die Mitarbeiter, die nach einer Umsetzung der Abbaupläne in Offenbach übrig bleiben, sieht es nicht gerade rosig aus. Die Koreaner sollen die Zuständigkeit für den Mittleren Osten und Asien übernehmen. Siemens-Offenbach würde in Konsequenz dann allein für afrikanische Kunden und französisch sprechende Kunden in Europa planen. Rechnerisch bleiben nur noch wenige Slots - die Anzahl von schlüsselfertigen Kraftwerken, die gleichzeitig gebaut werden können - übrig, sagt der Insider. Die kritische Größe liege bei drei Slots. Ist sie erreicht, müsse Siemens Standorte schließen – wie dies vor kurzem den Kollegen in Wien verkündet wurde.

Die Top 50 der begehrtesten Arbeitgeber der Welt

Die Top 50 der begehrtesten Arbeitgeber der Welt

Kommentare