Siemens setzt auf Offenbach

+
Michael Kassner leitet den Siemens-Konzern in Hessen, Rheinland-Pfalz, im Saarland und im Rhein-Neckar-Dreieck.

Nach der schärfsten Rezession der Nachkriegszeit hat sich die Situation an den Standorten von Siemens in der Region sehr entspannt. „Die Schwächen beim Auftragseingang sind überwunden.

Zusätzliche Kraftwerks-Projekte aus dem mittleren Osten, Indien und Nigeria werden von Offenbach aus betreut. Sie haben ein Volumen von einer Milliarde Euro“, sagte Michael Kassner, Siemens-Chef in Rhein-Main, im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Marc Kuhn.

Wie hat sich der Standort Offenbach von Siemens, von wo aus Kraftwerke in der ganzen Welt betreut werden, nach der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise entwickelt?

Offenbach ist ein wesentlicher Standort in der Siemens Region Mitte, früher Rhein/Main. An den Zuständigkeiten hat sich nichts geändert. Ich bin weiterhin verantwortlich für das Geschäft in Hessen, Rheinland-Pfalz, im Saarland und im Rhein-Neckar-Dreieck. Offenbach als Ingenieursstandort und Fechenheim als Produktionsstandort sind die dominanten international orientierten Standorte. In der Krise gab es weltweit ein Problem mit den ausbleibenden Investitionsentscheidungen für Kraftwerke. Das hat sich gebessert. Es gibt eine sehr positive Entwicklung. Die Schwächen beim Auftragseingang sind überwunden. Zusätzliche Kraftwerks-Projekte aus dem mittleren Osten, Indien und Nigeria werden von Offenbach aus betreut. Sie haben ein Volumen von einer Milliarde Euro. Das bedeutet, dass die Kollegen in Offenbach viel zu tun haben. Die Zahl der Mitarbeiter ist mit 1 200 stabil geblieben. Wir haben etwa 30 offene Stellen für Ingenieure.

Und der Standort Fechenheim?

Die Fechenheimer mit ihren hochmodernen Schaltanlagen hängen anders als die Offenbacher eher von kürzeren Wirtschaftszyklen ab. Wenn die Konjunktur anzieht, merken die Kollegen das sofort. So hat sich der Standort im ersten Halbjahr positiv entwickelt. Die Zahl der Mitarbeiter ist mit 1 050 ebenfalls gleich geblieben. Es hat auch einige Neueinstellungen gegeben. Uns fehlen Auszubildende - etwa 50 in den nächsten drei Jahren. Wir haben zu wenige qualifizierte Bewerber.

Gibt es bereits einen Fachkräftemangel bei Siemens?

Uns fehlen alleine in Deutschland über 1 500 Ingenieure. Wir haben einen Fachkräftemangel, auch im Energiebereich. Die Universitäten könnten noch mehr ausbilden. Das Image des Ingenieurs müsste in Deutschland besser sein. Es müssten sich auch mehr Mädchen für den Beruf interessieren. An all diesen Themen arbeitet auch Siemens in der Region, mit Projekten vom Kindergarten über die Schulen bis hin zu Hochschulkooperationen.

Brauchen wir Zuwanderung von Ingenieuren?

Das kann nicht die einzige Antwort sein, es muss aber Teil der Antwort sein. Wir müssen unser Potenzial in Deutschland national wie international rekrutieren. Das macht der Siemens-Konzern sowieso. Ein Viertel unserer Mitarbeiter arbeitet in Deutschland, Dreiviertel außerhalb des Landes. Wir suchen überall Ingenieure.

Sicherlich auch für grüne Umwelttechnologien. Der Begriff ist in aller Munde. In welchen Bereichen ist Siemens im Rhein-Main-Gebiet engagiert?

Wir sind das mittlerweile größte Umwelttechnologie-Unternehmen der Welt. Vom Konzern-Gesamterlös von 76 Milliarden Euro avisieren wir für 2011 bereits 25 Milliarden Euro auf Umwelttechnologien. Dabei handelt es sich natürlich um erneuerbare Themen wie Wind, Wasser und Solar, aber auch um eine Vielzahl von Produkten zur Energieeffizienz. Wir leben auch intern den Umweltschutz vor. Wir haben ein Nachhaltigkeitsprogramm 2006 aufgelegt. Bis 2011 wollen wir 20 Prozent an CO2, an Abwasser und an Abfall reduzieren. Dieses Ziel werden wir erreichen - auch wenn es extrem schwierig ist. Schließlich muss man in die operativen Prozesse eingreifen. Das Werk Fechenheim hat im vergangenen Jahr den bedeutenden internen Siemens-Umweltpreis gewonnen. Alle Technologien wurden auf Vordermann gebracht. Bei uns, aber auch bei unseren Kunden machen wir üblicherweise zunächst einen Energie-Nachhaltigkeits-Check. Wir schauen im ganzen Unternehmen nach Stellschrauben. In Gebäuden kann man bis zu 40 Prozent Energie einsparen. In Fabriken verbrauchen Motoren die meiste Energie. Wenn man sie intelligent steuert, kann man ebenfalls Energie sparen - 60 Prozent und mehr. Man sieht also, CO2 sparen lohnt sich, auch und gerade auf der Kosteneinsparseite. Moderne Technologien ermöglichen aber auch in Städten mehr Umweltschutz. So soll der im Juli gelieferte Verkehrsrechner in Offenbach durch eine bessere Verkehrssteuerung den CO2-Ausstoß und die Lärmemissionen verringern. In Offenbach und Frankfurt sind Ampelanlagen mit LED ausgestattet worden. Dadurch lässt sich der Energieverbrauch um bis zu 90 Prozent reduzieren. Aber auch bei der Deutschen Bank in Frankfurt hilft Siemens mit, den Energieverbrauch zu optimieren. Verkehr, Gebäude, Energien, das sind die großen CO2-Hebel für die Städte.

Was verspricht sich Siemens von grüner Umwelttechnik?

Betrachten wir neben der effizienten Nutzung auch einmal die Erzeugung und Übertragung von Energien. Auch hier sind wir aktiv. Ein Großteil der Windkraftanlagen auf dem Meer stammt von uns. Das ist ein enormer Wachstumsmarkt - und Siemens ist der Marktführer. Nur wenige Technologieunternehmen können solche Windparks bauen. In der Themsemündung bauen wir am größten Windpark, der dazu beitragen wird, ein Viertel des Londoner Stroms aus sauberer Windkraft zu speisen. Aber auch die Leitungen - der Anschluss der Windparks an das Stromnetz - sind eine Herausforderung. Nicht zuletzt aufgrund unserer Erfahrung sind wir hier mit mehr als 40 Prozent Marktanteil ebenfalls Marktführer. Und unsere Stromnetze müssen gravierend mit neuen Technologien verändert werden, um die Schwankungen bei der Wind- und Solarenergie aushalten zu können. Und wir müssen die Frage der Zwischenspeicherung von Strom lösen - zum Beispiel in Elektroautos. Auch beim Transport von Strom ist Siemens ein führendes Technologieunternehmen. Bei der neuen Landebahn des Frankfurter Flughafens haben wir die Hochspannungsleitungen mit gasisolierten Leitungen unter die Erde verlegt. Das ist Hightech vom Feinsten. All diese Investitionen müssen und können sich in der volkswirtschaftlichen Bilanz rechnen. Das kann über eine bessere Energieeffizienz in allen Bereichen des Lebens geschehen. Sogar bei der Elektromobilität reden wir beispielsweise nicht nur über Umweltfreundlichkeit, sondern auch über Energieeffizienz. Ein Auto mit Ottomotor verbrennt Energie mit einem extrem niedrigen Wirkungsgrad - etwa 25 Prozent. Wenn man die Energie in einem Kraftwerk verbrennt und den Strom ins Auto leitet, hat man den Wirkungsgrad fast verdoppelt. Wenn wir dann noch regenerative Energien einsetzen - und das muss schließlich das Ziel sein - ist der Effekt wesentlich besser.

Rhein-Main ist von der Bundesregierung als Modellregion für Elektromobilität ausgewiesen worden. Welche Bereiche hält Siemens für attraktiv?

Da gibt es zwei Bereiche: Im Auto und außerhalb des Autos. Es wird eine ganz neue Architektur im Auto geben. Es braucht beispielsweise kein Getriebe mehr. Es ist ein Stück Software-Architektur. Die Antriebe werden direkt an den Rädern liegen. Steuerung, Software, Antriebe - zu allen Themen hat Siemens Kompetenzen. In Rhein-Main bieten wir uns als Knowhow-Träger für alle Technologien in diesem Bereich an, vom Fahrzeug bis zur erforderlichen Infrastruktur mit Energienetzen, Ladesäulen und Abrechnungsverfahren. Gemeinsam mit dem Team in Offenbach schaffen wir in der Öffentlichkeit zunächst Sensibilität für das Thema Elektromobilität. Das ist der erste Schritt. Der ist schon schwierig genug, das Thema hat ja nicht nur etwas mit dem Auto zu tun, sondern auch mit intelligenten Stromnetzen und Batterien. Wir versuchen dabei den Blick nicht nur auf den Aspekt Elektro, sondern auch auf Mobilität zu lenken. Man könnte zum Beispiel Carsharing auf Elektrobasis einführen. Vielleicht kann man mal - wie bei der Bahn Fahrräder - auch intelligente Elektroautos im Rhein-Main-Gebiet ausleihen und mit dem öffentlichen Nahverkehr verknüpfen. Wir kommen jetzt in die zweite Phase der Konkretisierung einer Elektromobilität. Da ist die Leitstelle in Offenbach, die bisher übrigens eine hervorragende Arbeit geleistet hat, erneut gefordert. Nun muss man sich überlegen: Welchen konkreten Mehrwert können wir für die Region Rhein-Main mit einem Elektromobilitäts-Konzept erzielen, für die Menschen, für die Wirtschaft, für die Umwelt? Wie sieht die Tankstellen-Infrastruktur aus? Dann lautet die Herausforderung, dass mehrere Stadtwerke im Gebiet tätig sind. Doch wenn Sie in Offenbach los fahren und in Wiesbaden tanken wollen, möchten Sie doch keine zwei Stromverträge haben. Auf alle die Fragen gibt es aber Antworten. Also: In Phase zwei müssen substanzielle Konzepte entwickelt werden. Das ist die Aufgabe, der sich alle Modellregionen in Deutschland stellen. Und Siemens bringt dabei den Überblick über das technologische Wissen ein und die bereits gemachten Erfahrungen.

Wann fahren die ersten Elektroautos durch Offenbach?

Wenn wir 2011 ein Konzept erstellt haben, wird es in zwei, drei Jahren umgesetzt. In fünf Jahren fahren gehörig viele Elektroautos durch die Stadt. Ein Unternehmen oder eine Stadt wird mit der Fahrzeugflotte der Vorreiter sein.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare