Engagement für Obdachlose

Es gibt immer noch Ärmere

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Wind und Wetter ausgesetzt: Für die meisten Obdachlosen ist die Weihnachtszeit eine kalte Zeit.

Offenbach - Obdachlosigkeit ist ein Tabuthema, das bei vielen Abneigung und Unverständnis, gar Ekel erzeugt. Nicht bei Sigrid Gilbert. Die Offenbacherin hatte eine tolle Idee, ging auf einige Wohnsitzlose zu, und machte unvergessliche Erfahrungen.

Es war an Weihnachten, vor einigen Jahren. Ich kaufte Geschenke für den Ehemann, die Kinder, Enkel, Freunde, Bekannte. Liebevoll verpackte ich sie in der Hoffnung, für jeden das passende gefunden zu haben. Weihnachten war bei uns immer ein besonderes Fest, so habe ich es als Kind erlebt, so wollte ich es an meine Kinder weitergeben: Vor der Bescherung wird in festlicher Kleidung gemeinsam das Weihnachtsessen genüsslich verspeist, es werden Weihnachtslieder gesungen und schließlich die Geschenke ausgepackt. Einige Jahre war eine alleinstehende Dame unser Gast, der es eine große Freude und Ehre war, den Heiligabend in einer Familie verbringen zu können. Und da keimte in mir eine Idee: den vielen Obdachlosen auf der Straße zu helfen, wie ich sie in Frankfurt auf der Zeil, aber auch anderswo immer wieder gesehen und auch kennengelernt habe. Ich spreche nicht von den aggressiven Bettlern, die bewusst Mitleid erzeugen wollen, indem sie Passanten ihre Gliedmaßenstümpfe oder schweren Gebrechen offenbaren oder Kleinkinder benutzen, um möglichst schnell an möglichst viel Geld zu gelangen, das sie oft an Hintermänner abgeben müssen.

Sigrid Gilbert ist vielen Offenbachern als „Klosterfrau“ bekannt, sie führt ein Leben eng bei Gott und ihren Mitmenschen. Viel Zeit verbrachte sie bereits in der Benediktinerinnen-Abtei von St. Hildegard bei Rüdesheim.

Die Obdachlosen, die ich kennengelernt habe, sitzen, liegen oder schlafen meist in ihren Schlafsäcken in geschützten Nischen von Kaufhäusern und verhalten sich ruhig. Meist übernachten sie im Freien, gelegentlich in Notunterkünften. Einen festen Wohnsitz haben sie nicht. Familien, Freunde, Bekannte haben sich zurückgezogen; solche Mitmenschen werden gemieden, man möchte sie nicht kennen, denn das würde dem eigenen Image schaden. Und trotzdem leben sie unter uns, als Ausgestoßene am Rand der Gesellschaft. Kaum jemand verschwendet einen Gedanken daran, welche Ereignisse dazu geführt haben könnten, dass diese Menschen – meist sind es Männer – auf der Straße leben. In jedem Winter erfrieren welche auf der Straße. Einige Jahre lang standen die U-Bahn-Stationen in Frankfurt den Wohnsitzlosen nicht zur Verfügung, da andere sich an deren Anblick störten. Ebenso wurden Nachtlager unter einer Brücke am Main geräumt. Glücklicherweise wurden diese Verbote wieder aufgehoben, da die angebotenen Unterkünfte bei weitem nicht ausreichten, um alle aufnehmen zu können.

Gleich nach den Festtagen erwarb ich im Supermarkt die um 50 Prozent herabgesetzten Weihnachtssüßigkeiten wie Lebkuchen, Marzipan und Stollen. Ich durchforstete den Kleiderschrank meines Mannes nach gut erhaltenen warmen Kleidungsstücken, bat meine Söhne, dies ebenfalls zu tun, erkundigte mich auch im Freundeskreis, ob möglicherweise Decken entbehrlich waren, und begab mich am Nachmittag des Neujahrstages nach Frankfurt. Viele Taschen und Beutel schleppte ich, die gefüllt waren mit belegten Brötchen, Coladosen, Bier, Decken, Zigaretten, Winterjacken und Pullover, Weihnachtsleckereien und Münzgeld. Von einigen Einkäufen in Frankfurt war mir bekannt, wo sich Obdachlose aufhalten. Mein Mann und einer meiner Söhne begleiteten mich einige Jahre lang dabei.

Als wir uns diesen armen Menschen näherten und sie ansprachen, begegneten sie uns zunächst mit Skepsis, fragenden Blicken – doch nachdem wir ein gutes neues Jahr gewünscht hatten und sie aus unserem reichhaltigen Sortiment auswählten durften, ersetzte sehr schnell ein großes Gefühl der Dankbarkeit das anfängliche Misstrauen. Und wenn wir sahen, mit welchem Appetit und Heißhunger die Nahrungsmittel und Süßigkeiten sogleich verschlungen wurden, waren wir glücklich, diesen „Aufwand“ betrieben zu haben. Selten sind wir herzlicheren und dankbareren Menschen begegnet.

Dabei verbirgt sich hinter jedem dieser bettelarmen Leute ein schweres Schicksal. Kein einziger dieser Menschen hat sich dieses Leben freiwillig ausgesucht oder führt es gern. Einige völlig sprachlose Personen nahmen uns in den Arm; wir ließen es geschehen, wehrten niemanden ab. Allergrößte Hochachtung aber habe ich bis heute vor einem dieser Menschen. Es war ein Mann, der sehr bescheiden in die Tüte griff und auswählte. Nach unserer Aufforderung, nochmals zuzugreifen, erklärte er: „Das ist genug, es gibt noch Ärmere als mich. Gebt es denen!“ In seiner eigenen Armut dies zu äußern, empfand ich wahrlich als Größe. Und beim Verteilen dieser kleinen Geschenke in den vergangenen Jahren haben wir einiges gelernt: Nicht das Bier war als Getränk gefragt, man griff nach einer Dose Cola. Ein bis zwei Zigaretten aus der Packung sind genug. Strümpfe und Jogginghosen machen glücklich. Und in einem Fall nahm sich der Herr gern ein belegtes Brötchen mit Käse, aber Geld wurde abgelehnt. Es sind Menschen am Straßenrand, die dankbar sind für einen Gruß, ein nettes Wort, ein Stück Brot. Wir sollten sie nie vergessen!

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