Silberhaariges Sitzungsgold

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Klein, cool, Kult: die „Buddies“. Die großartig inszenierte Boygroup-Persiflage lässt manches weibliche Geschöpf vergessen, dass hinter den Brillen ganz normale Bieberer Jungs stecken. Im Hintergrund: der neue Sitzungspräsident Andreas Heberer.

Bieber ‐ Es rutscht ihm einfach raus, das böse L-Wort. Dass bei den Fastnachtssitzungen der Katholischen Jugend Bieber „auch schonmal gegen die Stadt geschossen wird“, erklärt KJB-Protokoller Tobias Grün und klebt von der Bütt aus einen verschmitzten Blick an Offenbachs Stadtkämmerer Michael Beseler, das sei „nun mal l e i d e r so“. Von Marcus Reinsch

Kurzes unwilliges Gemurmel im Pfarrsaal. Leider? Diplomatische Streicheleinheiten für einen Besucher von der anderen Seite des über Generationen sorgsam polierten Tellerrands Bieberer Spaßkultur: nicht üblich. Und Grün, in dieser Kampagne Debütant in der Protokoller-Rolle, kriegt auch schleunigst die Kurve. Um 19.52 Uhr, keine halbe Stunde nach Beginn der Sitzung, hat er seinen versöhnlichen Ausrutscher mit dem Wort getilgt, das der Bieberer Nachwuchs schon vor „Mama“ und „Vaterunser“ zu lernen scheint: Unabhängigkeit!

Mehr Bilder von der KJB-Sitzung:

Silberhaariges Sitzungsgold bei der KJB

Um die Mission der Bieberer Pfarrjugend zu bekräftigen, den Separatismus der Altvorderen nicht mit ihnen weise und milde werden zu lassen, schickt Grün seinen Protokollerblick bis weit in Feindesland aus - zum Wilhelmsplatz und dem Fund adeliger Gebeine: „Viel wichtiger is unser Sorgenkind, was glaubt ihr was mer unterm Ostendplatz so alles find. Vielleicht liegt da en Schatz begrabe, der uns reich mächt in de nächste Tage. Mit so nem Schatz müsste mir Bieberer uns zusammeraufe, un die Unabhängigkeit zurück erkaufe.“

Großes glückliches Tufftää. Grün ist politischer als viele ältere Amtskollegen anderer Sitzungen, und dem korrekten Versmaß deutlicher zugetan. Das erfrischt. Sein Vortrag streift Abwrackprämie und Superwahljahr („Diese ständige Wählerei hat mich völlig durcheinandergebracht, hab sogar beim Ittche e Kreuzche in die Speisekart gemacht“). Supervirus („Im Kleingedruckten: neben Baulärm, Schutt und Mief, auch die Schweinegrippe, all inclusiv“). Krise und Kriegsminister („In der Kriegssituation er sich dann besann, Frauen und Kinder kommen als Erste dran“). Integration („Denn wir sehn uns wenig integriert, gut so, weil uns Offenbach überhaupt net interessiert“). Und Fußball-WM („Mer könnte ja e paar kriminelle Neger uffspüren, die dann unser Freunde, die Käsköpp, entführn)“.

Protokoller Tobias Grün. er geizte nicht mit Lokalkolorit.

Uiuiuiuiuiuiuiautschautsch-autschautschautsch! Da rutscht die Gürtellinie bis in die Kniekehle. Das bewegt, manchen Geist und alle Körper. Das Publikum erhebt sich bei den KJB-Fastnachtssitzungen nicht seltener als der Bieberer Durchschnittskatholik in der Sonntagsmesse. Auf und nieder, immer wieder, die karnevalistische Liturgie zum Ein- und Auszug der Akteure zeugt von Respekt.

Der ist, meistens, berechtigt. Gehuldigt wird jedem, den es auf die Bühne zieht, ob er nun hüpft, tanzt, reimt oder kalauert. Das ist das Besondere an der KJB. Die Jugend bepflanzt ihren Fastnachtsgarten - diesmal „Bieber World“ betitelt und mit allem Getier bevölkert, dem Disney Sprache und Seele gegeben hat - ausschließlich mit Eigengewächsen. Die bei fast allen Fastnachtsvereinen üblichen Importe werden gemieden wie der Teufel.

Mausohrige „Disney-Beauftragte“

Und so gibt es seit 64 Jahren nur wenige aus den KJB-Reihen, die die Fastnacht ausschließlich aus der Zuschauerperspektive zelebrieren. Die meisten verschwinden zwischendurch in die Kellerumkleide, schlüpfen in ihre Kostüme und Rollen, verdienen sich oben Beifall, werden wieder Zivilisten.

Wie die mausohrigen „Disney-Beauftragten“ Prisca Götz und Tamara Podrosa, die im Zwiegespräch gekonnt über Dinge witzeln, von denen katholische Jugend idealerweise noch keine Ahnung hat. Weibliche Hormone in Micky Maus‘ Bier und besoffene Autofahrten zum Beispiel. Auch wie die „Buddies“, eine dreiköpfige (Daniel Kaiser, Sascha May, Sebastian Kurt) Boygroup-Miniatur mit Muskelshirts, Sonnenbrillen, uniformen Frisuren, einer Choreografie, mächtig coolem Ego und nicht zuletzt deshalb unerschütterlichem Kultstatus, weil sie zu populären Melodien Bieberer Bekenntnisse singt. Gleiche Methode, aber mit ungleich weniger Anspruch, eine Persiflage zu sein: „Die Sterncher“.

Die Klassiker der Saal-Fastnacht halten sich gekonnt die Waage. Andreas Heberer - neuer Sitzungspräsident und voll kompatibel mit den Anforderungen des Amts in der Mitte des Elferrats - kann die zwischenzeitlich drohende Überpräsenz von Kalauernummern wie „Willi & Bernd“, „Ulf & Klaus“, „Gudrun & Heidi“ und einem Sketch aus dem Alltag Offenbacher Schüler mit Vielfalt abwenden. Tänzerisches wie „Quietscheentchen“, „Nesthäkchen“, „Remix“ und die „Single Ladies“ ist dabei, die Singgruppe „Bembel hoch fünf“ sieht sich sogar schon „auf dem Weg zu Bieberer Fastnachts-Idolen“.

Sitzungsgold mit bemerkenswerter Detailliebe

Und ein anderer, der in der Tat das Zeug zum Bühnenidol hat, gibt den Indianer. Christian Florschütz vereint als „Max“ viele Fastnachtstugenden in einer Nummer. Dichtkunst („Blutsbrüderschaft mit dem ganzen Saal, find ich persönlich jetzt auch ein bisschen brutal“), Schauspielerei, Gitarrenspiel, Gesang, Tiefenhumor auch der eigenen Erscheinung gegenüber.

Drüber gehen eigentlich nur noch „Die Golden Girls und ihr Kurschatten“. Die erweisen sich nicht alleine tänzerisch als silberhaariges Sitzungsgold mit bemerkenswerter Detailliebe. Und als guter Grund, am Ende der KJB-Sause das böse L-Wort im Guten zu verwenden: L e id e r sind solche Spitzennummern jenseits der Karnevalshochburgen zu selten.

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