Zu viele Durchgeknallte oder Betrunkene

Silvester: „Zustände wie im Krieg“

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Tobias Wayand (links) vom „feuerwerksladen-rhein-main“und Chris Fritsch, Inhaber des Feuerwerksveranstalters „Zündwerk“, präsentieren stolz ihr „Powerboard“. Bestückt mit Munition für sechs Minuten Dauerfeuer und einem Zündcomputer, kostet die Miete 499 Euro. Geeignet ist das „Powerboard“ für die Veranstalter von kleineren Festen - etwa in der Gastronomie.

Offenbach/Frankfurt - Chris Fritsch verdient zwar seit 22 Jahren sein Geld mit dem Verkauf von Böllern und Raketen und gehört mit seiner Firma zu den zehn größten Veranstaltern von Großfeuerwerken in Deutschland - der Silvesternacht kann er allerdings nur begrenzt Enthusiasmus entgegenbringen. Von Michael Eschenauer 

Das, was sich da vielerorts abspiele, sei der „blanke Horror“, es herrschten „kriegsähnliche Zustände“ - speziell am Offenbacher Mainufer und in der Innenstadt. Die Lederstadt sei um „Klassen schlimmer als Frankfurt“. Grund: Es gibt zu viele Durchgeknallte oder Betrunkene mit zu wenig Verantwortungsgefühl. „Offenbach ist das Dorado für zum Teil illegale BKS-Böller. Da geht es ausschließlich um den Knall, selbst kleine Formate können schwere Verletzungen verursachen“, sagt der 47-jährige Kenner der Branche. Immer wieder komme es vor, dass die Sprengkörper, die nach Öffnung der innereuropäischen Grenzen leicht ins Land gelangten, einfach in die Menge geworfen würden.

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„Augen auf beim Böllerkauf!“

Der geborene Frankfurter, der seine Firma in der Daimlerstraße im Frankfurter Osthafen betreibt, angeschlossen ist das Spezialgeschäft „feuerwerksladen-rhein-main.de“, kennt das Handwerk bis ins Detail. Und er liebt es. „Schönheit ist eine emotionale Notwendigkeit!“ Diesen Satz schleudert Fritsch jedem entgegen, der das das bunte oder lautstarke Abbrennen von Raketen, Vulkanen, Batterien, Sonnen und Bengalos für reine Verschwendung und dekadenten Luxus hält.

Härtere Zeiten für Enthusiasten

Enthusiasten wie er müssen sich allerdings auf härtere Zeiten einstellen: „Auch in diesen Jahr ist zwar die Vielfalt des Angebots größer geworden, aber die Preise sind auch gestiegen. Ich erwarte im kommenden Jahr eine Verdoppelung, wenn nicht sogar Verdreifachung.“ Grund sind steigende Rohstoffkosten zum Beispiel für Strontium- und Lithiumsalze, Kupferoxid, Kupferchlorit und Alkohol, die wichtig bei der Herstellung von Feuerwerk sind. Hinzu kommen als Preistreiber, die Korruption in China, die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den chinesischen Fabriken und steigende Löhne für die extrem gefährliche Tätigkeit (ein Arbeiter verdient 80 bis 100 Euro pro Monat). Fritsch, der regelmäßig das Reich der Mitte und die dortigen Feuerwerksfabriken besucht, weiß auch, dass es wegen der Witterungsbedingungen vor Ort jederzeit zu einer Verzögerung der Produktion kommen kann. Im Sommer ist die Herstellung von Feuerwerk wegen der zum Teil extrem hohen Temperaturen in den Feuerwerks-Regionen Chinas zu riskant und deshalb ruht die Arbeit über Wochen. Kommen die Produkte aber zu spät im Jahr auf den Markt, werden sie teurer und stehen womöglich zum Teil gar nicht mehr rechtzeitig zur Verfügung. Zumal bessere Abnehmerländer als Deutschland bei Engpässen bevorzugt beliefert werden.

Freuen dürfte die Feuerwerkergemeinde die Nachricht, dass die „Effekte“ an Durchschlagskraft weiter gewinnen werden. Im Zuge der Harmonisierung der EU-Vorschriften wurde die in Deutschland gültige Obergrenze für Treibladung und Effektmasse bereits von 250 auf 500 Gramm angehoben. Jetzt rechnet die Branche mit einem weiteren Sprung auf 1,5 Kilo.

„Brokatwasserfall“, „Crackling-Wolke“, „Popping Flowers“ „Rakete Silberweide“ - die Geburtsstätte des Straßenfeuerwerks liegt praktisch komplett in China, und hier in den Städten Liuyang und Behai. „In den vergangenen Jahren hat sich in China ein beispielloser Konzentrationsprozess der Feuerwerkshersteller vollzogen“, berichtet Fritsch. Nach Unglücken aufgrund von Sicherheitsmängeln schloss Peking kurzerhand über 10.000 Produktionsstätten und konzentrierte die Herstellung in 35 Großfirmen. Ausschließlich diese dürfen für den Export produzieren. In Europa ist der Kreis der Marken von einst vier (Weco, Nico, Keller und Komet) auf rund 70 angestiegen. Diese übernehmen den Import chinesischer Produkte. Sie sorgen für mehr Vielfalt und für einen gewissen Konkurrenzkampf, der den Preisanstieg bremst.

Den größten Markt für Feuerwerk bildet aber China selbst, gefolgt von USA, Russland und EU. Innerhalb Europas rangiert der Absatz in Deutschland im unteren Drittel. Davor liegen Spanien, Italien und die Niederlande. Feuerwerk, so Frisch und der Geschäftsführer des Feuerwerksladens Tobias Wayand, werde in Deutschland von den Genehmigungsbehörden der Städte stiefmütterlich behandelt. Viel Geld sei auch nicht da. „Das ist kein Vergleich zu Italien, Spanien und Frankreich“, so Wayand. Das größte Feuerwerk hierzulande ist der „Sommernachtstraum“ in München. Der kostet 100.000 Euro. „Rhein in Flammen“ bei Oberwesel, das von Zündwerk konzipiert wird, kommt auf rund 60.000 Euro. „Das ist in den anderen Ländern die Größenordnung für ein Volksfest.“

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