Wo sind Offenbachs mutige Männer?

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Professor Dr. Andreas Zielke

Offenbach - Jetzt schon steht fest: Ohne entscheidende Gegenmaßnahmen werden in Zukunft immer mehr Menschen an Krebs erkranken. Laut dem hessischen Gesundheitsbericht bekamen zuletzt jedes Jahr 130.000 Männer und 112.000 Frauen von ihrem Arzt die Diagnose Krebs.

Bundesweit sind im Laufe ihres Lebens rund 38 Prozent der Frauen und 47 Prozent der Männer betroffen. Grund genug für das Hessische Sozialministerium, die Hessische Krebsgesellschaft und die Stiftung Leben mit Krebs, das Jahr 2012 ins Zeichen der Krebs-Prävention zu stellen.

Die Auftaktveranstaltung der Krebspräventionsinitiative findet am Weltkrebstag am Samstag in Wiesbaden statt. Für Aufsehen sorgt vor allem einer neuer Präventionsansatz: So werden ab März „1000 mutige Männer für Offenbach“ gesucht: Die Aktion wirbt für Früherkennung mit Hilfe einer Darmspiegelung (Koloskopie), um das Darmkrebsrisiko zu senken. Wie bei einem erfolgreichen Pilotprojekt in Mönchengladbach sollen die Männer durch soziale Netzwerke angesprochen werden.

Unser Redaktionsmitglied Peter Schulte-Holtey fragte bei Professor Dr. Andreas Zielke nach. Er ist Chefarzt am Klinikum Offenbach und einer der Initiatoren der Kampagne:

Warum wurde Offenbach für das ungewöhnliche Vorsorgeprojekt ausgesucht?

In Städten in Nordrhein-Westfalen ist die Kampagne bereits erfolgreich durchgeführt worden - unter dem Titel „1000 mutige Männen“ und „1000 mutige Frauen“. Gesucht wurde jetzt in Hessen eine ähnliche Stadt - vergleichbar nach Größe, nach Infrastruktur und sozialen Strukturen. Offenbach hat ein sehr gut entwickeltes Netz des bürgerlichen Engagements und der Mitwirkung, das sich u.v.a. in den vielfältigen sozialen Mitwirkungen der Bürger, der hervorragend organisierten Selbshilfe, den vielen Vereinen in der Stadt und der bemerkenswerten Integration der verschiedensten kulturellen und religiösen Hintergründe seiner Bürgerinnen und Bürger darstellt. Auch ist die Infrastruktur in Offenbach mit den zwei Darmzentren, den sehr gut organisierten und der Vorsorge gegenüber traditionell sehr aufgeschlossenen Hausärztinnen und Hausärzten sowie den für die Durchführung der Vorsorge bestens qualifizierten Gastroenterologen sehr gut ausgebildet. Dies waren die wesentlichen Gründe, Offenbach als ersten Standort für diese Kampagne vorzuschlagen.

Jetzt heißt es also: Von Offenbach lernen ...

Ja! Die Erfahrungen, die nun in Offenbach gemacht werden, sollen auch andere Städte und Kreise in Hessen ermutigen, ähnliche Aktionen zur Krebsprävention zu starten.

In Marktforschungsstudien wurde festgestellt, dass gerade bei der Darmkrebsprävention psychologische und soziale Faktoren wie Angst und Scham große Barrieren darstellen. Wie sollen Männer in Offenbach überzeugt werden?

In eben diesen Studien, die durch die Befragung Offenbacher Bürger aktualisiert wurden, wurde eben auch festgestellt, dass es besonders wirksam ist, so nah wie möglich - also persönlich - die Menschen anzusprechen, so dass sie ihre Chance, durch Vorsorge einer Krankheit vorzubeugen, wahrnehmen. Durch die persönliche Ansprache, die nicht die Krankheit, sondern die wirksame Vorbeugung in den Vordergrund stellt, können Ängste, Sorgen und Scham überwunden werden. Dies stellt auch das Motto „Du bist kostbar“ im Vordergrund.

Konkret: Wie kann das umgesetzt werden?

Die persönliche Ansprache wird vor allem durch Familienmitglieder, Arbeitskollegen, Vereinsmitglieder und Gemeindemitglieder erreicht. Da Männer die Vorsorgemöglichkeiten sehr viel seltener in Anspruch nehmen als Frauen, wird es - entsprechend den Erfahrungen aus Nordrhein-Westfalen - auch gezielt Aktionen für Männer geben. Wenn sich durch diese persönliche Ansprache nur jeder vornähme - neben der eigenen Vorsorge, eine oder einen, der ihr oder ihm besonders am Herzen liegt, zur Vorsorge zu bewegen, dann wird das Anliegen, 1000 Bürgerinnen und Bürger neu zur Vorsorge in Offenbach zu motivieren, auch gelingen. Eine besondere Herausforderungen in Offenbach besteht in dem Anliegen, auch die Vielfalt der Kulturen in unserer Stadt in diese Bemühungen einzubeziehen. Hierzu wird es gezielte Aktionen - zum Beispiel in den Vereinen, in Zusammenarbeit mit dem Ausländerbeirat sowie dem Integrations- und Präventionsbüro der Stadt - geben.

Werden auch Unternehmen in Offenbach angesprochen?

Wir wollen die Betriebe und das Handwerk in Offenbach ansprechen und die städtischen Eigenbetriebe in die Vorsorgeaktion einschließen. Hierzu werden wir in der zweiten Jahreshälfte in Zusammenarbeit mit der Stiftung Lebensblicke gezielte Ansprachen und Informationsprogramme in den interessierten Betrieben durchführen. Die Industrie- und Handelskammer und die Kreishandwerkerschaft haben, wie auch die städtischen Eigenbetriebe, grundsätzlich ihre Bereitschaft der Mitwirkung in Aussicht gestellt bzw. zugesagt. Mittels dieser Unterstützung hoffen wir, mehr als 4500 Anspruchsberechtigte für die Präventionskampagne zu erreichen.

In anderen Städten, zum Beispiel Mönchengladbach, ist man mit einem ähnlichen Projekt ja schon sehr erfolgreich gewesen ...

Die wichtigste Erkenntnis war diejenige, dass nur dort, wo die besonderen Aktionen durchgeführt wurden, eine steigende Zahl von Vorsorgeuntersuchungen festgestellt wurde. In den übrigen Städten wurden um die zehn bis zwanzig Prozent weniger Inanspruchnahme registriert. Dies zeigt, dass durch die Beteiligung aller viel erreicht werden kann. Eine weitere wichtige Erkenntnis war, dass der Versuch, gezielt Männer anzusprechen, nicht nur deren Bereitschaft an der Vorsorge teilzunehmen erhöhte, sondern auch die der Frauen. Nach dem Motto „ Wenn Du gehst, dann gehe ich auch“ wird dort die Fürsorge für den nächsten Angehörigen, Partner, Freundin oder Freund sichtbar, auf die diese Kampagne im Wesentliche baut. Die Hessische Krebsgesellschaft und das Sozialministerium in Wiesbaden waren und sind sich deshalb sicher, dass Offenbach ein Leuchtturm in Hessen für dieses Projekt sein wird.

http://www.mutige-maenner.de/

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