Das singende Klassenzimmer

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Schier unüberschaubar ist die Masse der einheitlich weiß behüteten Kinder, die auf dem Hugenottenplatz ihre geschulten Stimmen erschallen lassen.

Offenbach - Was Frankfurter Kinder können, schaffen Offenbacher Schüler schon längst. Gestern Vormittag auf dem Hugenottenplatz: „Prima, Primacanta“, hallt es aus hunderten Kehlen, „ich steh auf Primacanta.“ Von Markus Terharn

So heißt das musikpädagogische Konzept, nach dem 37 Klassen an 18 Offenbacher Grundschulen ein Jahr gebüffelt haben. Und das mit Spaß – wie die Kostprobe ihres Könnens in der Innenstadt beweist.

Sternförmig sind die Kinder zusammengekommen, zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln, fröhlich vor sich hin trällernd und mit einheitlichen weißen Primacanta-Kappen. Blaue, grüne, gelbe und rote Schilder zeigen ihre Schulen an. Für Ordnung im Stimmengewirr sorgen Felix Koch und Annette Marke. Wie Animateure im Ferienclub stehen sie auf der Bühne und bringen die bunte Schar zum Klingen.

Die Stimmbänder lockern

Es weht ein frischer Wind, der sogar einen Notenständer umbläst. Deshalb müssen die Kinder sich warm machen, die Stimmbänder lockern. Felix sagt, wie’s geht: „Riiing!“, klingelt der Wecker, da wird gegähnt und sich gestreckt, wie ein Hund gehechelt, „die Zunge ganz raus“, im Kreis eine unsichtbare Wendeltreppe raufgerannt, tüchtig durchgepustet und mit Bruststimme „O neee!“, mit Kopfstimme „O jaaa!“ gerufen. Bei der Imitation einer Turmglocke hilft Markus Stein an den Klaviertasten.

„Ihr seid super“, lobt Felix, ehe alle viersprachig den Tag begrüßen: „Guten Morgen, good morning, buenos días, buon giorno!“ Blau beginnt, Grün fällt ein, Gelb mischt sich dazu, Rot rundet ab, das ergibt einen tollen vierstimmigen Kanon. Lehrerinnen und Mütter tun eifrig mit.

Die von Annette begrüßten „wichtigen Menschen“ sieht man vom Blatt mitsingen. So Stadtrat Paul-Gerhard Weiß, der sich überzeugt gibt, „dass wir das Römerberg-Singen übertreffen“, und der Hoffnung Ausdruck verleiht, den Fluglärm zu übertönen. Und Dr. Volker Stürzer vom Staatlichen Schulamt, der ebenfalls Beifall bekommt. Außerdem Dr. Aslak Petersen von der Crespo Foundation und ein ungenannter Vertreter der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt, die das Bildungsprojekt „Primacanta – Jedem Kind seine Stimme“ gemeinsam stemmen. Fachliche Unterstützung leistet die Musikschule Offenbach.

Das Ergebnis kann sich hören lassen

Das Ergebnis kann sich hören lassen. Passanten bleiben stehen oder summen spontan mit. „Dschungelfieber“ lautet das Motto in der Steinwüste; entsprechend tierisch geht es zu. „Niemand kann sie überblicken, diese kilometerlange Riesensuperschlingelschlange“, tönt es aus allen Mündern. Passend zu den Temperaturen heißt es: „Ich bin ein kleiner Pinguin und komm aus der Antarktis. Mir ist kalt, mir ist kalt.“ In drei Gruppen aufgeteilt demonstrieren Jungen und Mädchen, dass sie auch ganz, ganz leise singen können.

Erwachsenen, die es nicht wissen, wird erklärt, was es mit jenen Silben auf sich hat, die da zu vernehmen sind. Sie stehen für unterschiedliche Tonhöhen. Solmisation heißt diese Übung, die bei perfekter Ausführung in einen schönen dreistimmigen Schlussakkord mündet.

Und ganz, ganz laut geht es auch, von Felix und Annette mit den Händen angeleitet, wenn die Hexe Wackelzahn beschworen wird. Da gilt es, die Akteure eher zu dämpfen („Nicht schreien!“), bevor alle nochmal das Primacanta-Lied intonieren und den Rückweg in ihre Schulen antreten. Gedauert hat das etwa so lange wie eine normale Unterrichtsstunde. Aber sicher war es viel lustiger...

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