Sinneslust und Solidarität

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Keine Luminale, nur Maitanz: In ungewöhnlichem Licht präsentierten sich Freitagnacht die Häuser am Wilhelmsplatz...

Offfenbach ‐ Die Offenbacher erobern sich ihren Wilhelmsplatz zurück. Nach monatelangen Diskussionen zieht aufs zentrale Forum der Stadt geballtes Leben ein. Nicht nur zu Marktzeiten und in den Sonntagsreden aus dem Rathaus, sondern ganz real an Tresen und auf Bierbänken. Von Denis Düttmann

Beim „Tanz in den Mai“ feiern Hunderte auf Einladung der umliegenden Wirte den Beginn des Wonnemonats, wenige Stunden später zelebrieren an gleicher Stelle etwas weniger Gewerkschafter den Tag der Arbeit. „Wir waren am Anfang auch skeptisch“, sagt Youssef El Machit. „Aber der Platz wird in Zukunft auf jeden Fall schöner sein als vorher.“ Nächste Woche beginnen die Straßenbauarbeiten vor seinem „Tafelspitz & Söhne“. Der Mit-Inhaber des Lokals ist jedoch zuversichtlich, dass die Gäste trotz Lärms und Staubs weiterhin zu ihm kommen: „Stammkunden halten uns die Treue.“

Zumindest am Freitag ist der Laden brechend voll. Sängerin GoGo zieht die Gäste mit ihrer vollen Soulstimme bereits nach wenigen Songs auf die Tanzfläche. Später am Abend legt DJ Daniel entspannte Beats auf die Plattenteller. Nach einer kleinen Stärkung am Grillstand zwischen den Gaststätten wechselt so mancher Nachtschwärmer ins „Morleo's“: DJ Luis ist an diesem Abend für die etwas schnellere Gangart auf dem Parkett zuständig.

„Fest direkt auf dem Platz machen“

Ein paar Meter weiter im „Tarantino's“ sitzt ein italienischer Barde am Keyboard. Aurelio schmettert so manchen Gassenhauer in die nicht mehr ganz so milde Frühlingsnacht hinaus, später locken Dance Classics auch hier die Gäste auf die Tanzfläche. „Der Wilhelmsplatz ist die Perle unserer Stadt“, sagt Fiore Tarantino. „Durch den Umbau ist er auf jeden Fall aufgewertet worden.“ Zwar befürchtet auch er wegen der Bauarbeiten vor der Haustür einen schwierigen Sommer, dennoch glaubt er an die Attraktivität des Standorts: „Ich bin hier in der Hausnummer 13 geboren worden – das ist doch ein gutes Omen.“ Erst vor Jahr hat er das italienische Lokal als zweites Standbein neben der „Pizzeria am Markt“ eröffnet. Als lässige „Paninoteca“ geboren, ist es mittlerweile zum eleganten Restaurant herangewachsen.

...und am Samstag wehten die roten Fahnen.

Noch jünger ist „Le Belge“ an der Ecke Bleichstraße, doch Inhaber Mensur Yalcin fühlt sich bereits als vollwertiges Mitglied der Wilhelmsplatz-Szene. Und als solches hat er schon mal über das nächste Jahr nachgedacht: „Wenn dann alle Bauarbeiten abgeschlossen sind, könnten wir das Fest doch direkt auf dem Platz machen.“ Jetzt freut Yalcin sich aber erstmal, dass das erste Dreivierteljahr für ihn so gut gelaufen ist. Seine Gäste sitzen zufrieden über Flammkuchen, handgeschnitzten Pommes und belgischem Kirsch-, Pfirsich- oder Mirabellen-Bier.

Bis in den frühen Morgen feiern die Offenbacher – bei den Münch-Brüdern im „Markthaus“ gehen die Lichter erst um halb fünf aus.

Gerade mal sechs Stunden später ist es wieder vorbei mit der Ruhe: Die Trommelgruppe der Theodor-Heuss-Schule führt die 1. Mai-Demo an, lenkt sie über die Bismarckstraße zur Kundgebung auf dem Aliceplatz und über die Berliner Straße wieder zurück auf dem Wilhelmsplatz.

Nachts frönt das Partyvolk der Sinneslust

Dort wettert Matthias Körner vom DGB-Bezirk Hessen-Thüringen gegen marodierendes Kapital und neoliberale Politik, fordert mehr Mitbestimmung in den Betrieben und besseren Kündigungsschutz. In Stadt und Kreis Offenbach sollten sich die Gewerkschaften weiterhin gegen die Public-Private-Partnership-Projekte engagieren.

„Ohne jede Öffentlichkeit und in undemokratischen Verfahren werden da Verträge geschlossen, deren finanzielle Konsequenzen sich heute noch gar nicht absehen lassen“, kritisiert Brigitte Bach-Grass vom ver.di-Kreisvorstand. „Zahlreiche Beispiele zeigen bereits, dass die Vergabe an private Unternehmen keineswegs wirtschaftlicher ist“, sekundiert Marion Dreiner von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

Noch ist der Wilhelmsplatz nicht ganz fertig – doch an diesem Wochenende steht er bereits wieder im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens mit all seinen Facetten: Nachts frönt das Partyvolk der Sinneslust, tags darauf beschwört die Gewerkschaft die Solidarität der Arbeiterklasse. Beides vereint die DKP: Bei ihr kann man einen Mojito zugunsten der kubanischen Revolution schlürfen.

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