Sitzen durfte einst nur der Meister vom Stuhl

Bei der Freimauererloge Carl und Charlotte zur Treue begrüßte deren Stuhlmeister Herbert Füller zahlreiche andere Meister: unter anderen Distriktsmeister Edwin Brum, Oberbürgermeister Horst Schneider und Großmeister Jens Oberheide, den Bundesvorsitzenden.Foto: Georg

Offenbach - (tk) „Anna Amalia zu den drei Rosen“ trifft „Zu den drey Löwen“. „Sokrates zur Standhaftigkeit“ plaudert mit „Archimedes zu den drei Reißbrettern“. „Post Nublia Phoebus“ tauscht sich mit „Durch Licht zum Frieden“ aus. „Zur Einigkeit“ begegnet „Zum flammenden Schwert“.

„Carl und Charlotte zur Treue“ empfängt und bewirtet sie alle: Die Offenbacher Freimaurerloge ist Gastgeberin eines der regulären Treffen der „Stuhlmeister“, der Logenvorsitzenden, aus Hessen und Thüringen. Vertreten sind an der Domstraße die Vereinigungen aus Weimar - der gehörte schon Goethe an -, Frankfurt, Aschaffenburg, Kassel, Marburg, Darmstadt und Altenburg.

Oberbürgermeister Horst Schneider begrüßt die freimaurerischen Meister und ihren Großmeister Jens Oberheide. Er würdigt die Tätigkeit der Logen, die sich nicht darauf beschränke, im Stillen von einer besseren Welt zu träumen, sondern in gemeinnütziger Arbeit und Wohltätigkeit bestehe.

Trotz des karitativen Wirkens ist die Arbeit der Logen in der Öffentlichkeit ziemlich unbekannt. Der Offenbacher Logenbruder Walter Noll liefert Erläuterungen zu einer Gemeinschaft, die mit der ihr oft unterstellten Geheimbündlerei gar nichts zu tun hat: „Das Wort ,Loge’ wird abgeleitet aus dem englischen ,lodge’, das im Mittelalter eine Dombauhütte bezeichnete, die den Bauhandwerkern als Werkstatt, Aufenthalts- und Versammlungsraum diente. Die Mitglieder der Bauhütte hießen ,freemasons’, Freimaurer. Vorsitzender der Bruderschaft war der Meister vom Stuhl (auch: chairman), da er als einziger während der Versammlung sitzen durfte. Heute ist der Meister vom Stuhl der gewählte Vorsitzende einer Loge.

Die Herkunft der modernen Freimaurerei beschreibt der Buchautor Alfried Lehner: Als im 17. Jahrhundert die große Zeit der Dombauten zu Ende ging, schlossen sich mehr und mehr Angehörige nichthandwerklicher Berufe den Logen an. Adlige, Offiziere, Ärzte, Schriftsteller und andere Berufe finden sich in den Mitgliederlisten jener Zeit. Das Ansehen jener Bruderschaften muss eine solche Anziehungskraft ausgeübt haben, dass die Logen sich nach und nach umwandelten in geistige Gemeinschaften, die nur noch symbolisch weiterbauten am ,Tempel der Menschlichkeit’. Die Postulate Humanität, Toleranz und Brüderlichkeit sind bis heute Richtschnur für das Handeln in Logen.“

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