Ein Sofa draufschrauben?

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Zahnkränze, Kettenblätter, Kettenradgarnituren: Allein die Mechanik, mit der die Muskelkraft auf die Straße gebracht wird, ist für den Laien hoch kompliziert. Die Fahrradgesellschaft weist ambitionierten und gemächlichen Radlern seit 25 Jahren den Weg durch den Ketten-Dschungel.

Offenbach - Der Anspruch war vor 25 Jahren schnell formuliert. Dieter Meyer wollte ein etwas anderes Fahrradgeschäft gründen. „Wir legten von Beginn an Wert auf Qualität“, erinnert sich Erik Meyer ans Anliegen seines verstorbenen Vaters; ehrlich sollte das Geschäft sein, ganz sicher aber direkt.

Das ist Erik Meyer heute noch, teils recht herzhaft, aber stets feinhumorig: „Ich kann dir auch ein Sofa draufschrauben“, schlägt er schon mal einem Kunden vor, wenn alle vorhandenen Sättel - und das sind nicht wenige - als für die empfindlichen vier Buchstaben nicht tauglich erachtet wurden. Aber wenig später gesteht er freimütig, was er selbst seit Gründung der Fahrradgesellschaft noch immer nicht gefunden hat: „Einen Sattel, auf dem mir nach fünf Stunden nicht das Hinterteil schmerzt.“ Dann grinst Erik Meyer breit, wie er es oft ausgiebig tut: „Vielleicht liegt’s aber ja an meinem Steiß...“

Erik Meyer auf dem persönlichen Favoriten: Wenn er Zeit hat, gleitet er auf einem „Pedersen“ entspannt und erhaben dahin.

Der Inhaber der Fahrradgesellschaft in der Bahnhofstraße ist einer, der einem geradeheraus die Meinung sagt. An diesem späten Nachmittag zeugen seine Hände von viel Arbeit: schwarz von einem Gemisch aus Staub und Schmierstoff. Das Fahrrad, mit dem der Journalist in den Hinterhof rollt, beäugt er kritisch, beugt sich runter, fährt mit dem Daumen über die Kette: „So ist das nichts.“ „Guck“, zeigt er kopfschüttelnd das Ergebnis des Schnelltests. „Jetzt müsste mein Finger glänzen.“ Der folgende Hinweis ist gratis: „Öfters mal ölen.“ Keineswegs geölt läuft bislang ein Angebot, das zum Jubiläum ersonnen wurde. Auch Meyer bietet eine Umwelt- oder Abwrackprämie an, erfährt jedoch weit weniger Resonanz als die Automobilhersteller: „Das ist eher bescheiden.“ Sein Angebot: Bis zu 100 Euro für ein fahrbereites Zweirad bei Neukauf. Nebeneffekt: „Verschrottung von Velos, die nichts mehr im Verkehr zu suchen haben - kein Licht, schlechte Bremsen.“

Und dann fängt einer an, über das Radfahren als solches und das Rad im Besonderen zu philosophieren. Man erkennt rasch: Hier hat einer seine Neigung zum Beruf gemacht. „Wir verkaufen Fahrräder für Gebraucher, nicht für Verbraucher.“ Ein Graus ist dem 48-Jährigen die Massenware, jene Fahrzeuge, die für hundertpaarundsechzig Euro im Baumarkt oder beim Discounter verkauft werden: „Die sehen nur aus wie Fahrräder.“ Ob’s denn aber derart hochpreisig sein muss, wie das was in dem verwinkelten Verkaufsraum steht? Das sind durchweg teure Touren-, Reise-, Falt- oder Rennräder. Marken wie Riese und Müller, Moulton oder Fahrradmanufaktur.

Da reagiert Erik Meyer ganz gelassen: „Gute Fahrräder haben immer schon einen durchschnittlichen Monatslohn gekostet.“ Das belegt er anhand einer Rechnung aus den 30er Jahren. Auf der ist ausgewiesen, dass die Näherin Frau Wuttke bei der Frankfurter Firma Verheyen ein Fahrrad für 75 Reichsmark erstanden hat - ohne Beleuchtung.

Jetzt kommt ein Fall für die Service-Abteilung: „Ist da noch was zu retten?“, fragt die Kundschaft und reicht Meyer eine Felge. Kurzer Blick. „Nein, ein normaler Achter hat höchstens zwei Millimeter - das da ist ein Zweiunddreißiger...“ Da ist nichts mehr zu zentrieren. Neupreis? „Felge, 30er Dynamo - um die 80 Euro.“

Wer mehr als nur einen Blick in das wohlgeordnete Chaos wagt, erkennt: Meyer hat auch ein Faible für motorgetriebene Zwei- und Vierräder. Ganz hinten, halb verdeckt von einer zerrissenen Plane, lugt ein alter, dunkelgrüner Honda hervor - ein N 600, eine ab 1967 gebaute frontgetriebene zweitürige Limousine des japanischen Herstellers. Davor lehnt ein Moped der italienischen Firma Garelli - versehen mit reichlich Patina, aber für Sammler sicher ein Leckerbissen. Meyer, der die interessierten Blicke auf seine Oldtimer kennt, bekennt: „Geschraubt habe ich eigentlich schon immer.“

Gelernt hat er das nicht. Meyer ist Kaufmann, alles was mit Gripshift-Drehschaltern, Dual-Drive-Naben oder Two-Axis-Bremshebeln zu tun hat, brachte und bringt er sich selbst bei. Seine Überzeugung: „Die besten Schrauber sind die, die es begriffen haben. Dazu müssen sie den Beruf des Zweirad-Mechanikers nicht gelernt haben.“

Man muss demnach regelrecht eintauchen in die Welt aus Zahnkränzen und Bowdenzüge. Das war schon vor 25 Jahren so, als Vater Dieter Meyer per Zeitungs-Annonce einen Teilhaber für ein Fahrradgeschäft gesucht und gefunden hat - Julius Jonasch. Von einer englischen Fahrradmesse kamen sie als Importeure der Marken Moulton und Pedersen zurück. Ihre erste Heimat fand die Fahrradgesellschaft in der Heyne-Fabrik, als diese noch nicht von den Kreativen entdeckt war: „Das hatte ein ganz besonderes Flair“, erinnert sich Meyer.

Das ist auch in der Bahnhofstraße geblieben, ebenso die Vorbehalte einiger Kunden: Manche denken tatsächlich an eine Gesellschaftsform ähnlich einer Genossenschaftsbank: Ob man erst Mitglied werden müsse, um ein Rad kaufen zu dürfen, wird Meyer mitunter gefragt. Aber nein. Er weist vielmehr auf den ersten Teil des Firmennamens hin. Der ist wörtlich zu nehmen: Fahr Rad.

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