Anlaufstellen in Notsituation

Soforthilfe nach Vergewaltigung

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Untersuchungen zufolge erlebt jede siebte Frau im Laufe ihres Lebens strafbare sexuelle Gewalt. Doch nur fünf Prozent der Betroffenen erstatten deshalb Anzeige bei der Polizei. „Jeder aus Scham oder Angst verheimlichte Fall ist einer zu viel“, betont die städtische Frauenbeauftragte Karin Dörr.

Offenbach - Wenn das Unvorstellbare passiert ist, gehören Krankenhäuser selten zur ersten Anlaufstelle von Opfern sexueller Gewalt. Ein neues Programm namens „Soforthilfe nach Vergewaltigung“ will das ändern. Von Jenny Bieniek 

Mit Slogans wie „Jede Vergewaltigung ist ein mediziner Notfall“ oder „Überlassen Sie das Schweigen uns“ sollen Betroffene ermutigt werden, sich nach einem Sexualverbrechen ärztlich untersuchen zu lassen - möglichst vor dem Duschen oder dem Wechseln der Kleidung. Verantwortlich für das Programm zeichnet die Stadt in enger Zusammenarbeit mit dem Ortsverband von pro familia, Sana-Klinikum, Ketteler-Krankenhaus und dem Verein Frauennotruf Frankfurt. Denn eine schnelle medizinische Untersuchung ist wichtig für Betroffene und kann im Falle einer späteren Anzeige des Täters wichtige Beweise liefern.

Weitere Infos auf:

www.soforthilfe-nach-vergewaltigung.de

In Offenbach verzeichnet die Polizei jedes Jahr rund 20 Anzeigen wegen Vergewaltigung. Die Dunkelziffer aber dürfte weit höher liegen. Bundesweit summiert sich die Zahl auf rund 8000 Fälle. In zwei von drei Fällen kennen sich Opfer und Täter, was die Hemmungen vor einer Anzeige zusätzlich erhöht. In Offenbach garantieren Sana-Klinikum und Ketteler-Krankenhaus Betroffenen künftig eine speziell zugeschnittene, standardisierte Versorgung durch speziell geschulte Mitarbeiter. Grobe Verletzungen seien eher die Ausnahme, wissen die Experten. Vor allem gehe es dabei um die Untersuchung auf mögliche Infektionen wie Hepatitis, HIV oder Geschlechtskrankheiten, aber auch einer etwaigen Schwangerschaft.

Viele Betroffene scheuten jedoch den Weg zum Arzt aus Angst, man schenke ihnen keinen Glauben oder dränge sie zu einer Anzeige bei der Polizei, weiß Dr. Silvia Khodaverdi, Fachärztin für Gynäkologie am Sana-Klinikum. Gedrängt werden solle niemand. Wer möchte, kann sich dank der sogenannten vertraulichen Spurensicherung aber zusätzlich zur Untersuchung gerichtsmedizinisch verwertbare Befunde sichern - für den Fall, dass die Betroffenen eine Bedenkzeit wünschen. Hierbei wird nach einem standardisierten Verfahren alles genau dokumentiert. Beweise können etwa DNA-Spuren auf Kleidung oder Haut, Blutwerte, Slipeinlagen, benutzte Taschentücher oder Partikel unter den Fingernägeln sein. Diese werden im Anschuss versiegelt zur Rechtsmedizin nach Frankfurt gebracht, wo sie ein Jahr lang aufbewahrt werden. So haben Betroffene die Möglichkeit, auch Monate nach der Tat auf Beweise zurückzugreifen.

Die wichtigsten Notruf-Nummern

Die wichtigsten Notruf-Nummern

„Damit nehmen wir nicht nur Unsicherheiten auf beiden Seiten. Die Aussage ‘nicht mehr verwertbar’ gibt es künftig nicht mehr“, betont Sana-Chefarzt Dr. Christian Jackisch. „Wir wollen uns nicht nur einen Eindruck von den Opfern machen, sondern im Zweifel auch stichfeste Beweise vorlegen können“, erklärt Chefarzt Dr. Peter Baier vom Ketteler-Krankenhaus, der das Programm nach Offenbach brachte. Die Idee hierfür stammt aus der Nachbarstadt, wo eine solche Kooperation schon seit zwei Jahren läuft. Finanziert wird das Programm über den Etat des städtischen Frauenbüros, pro Familia übernimmt den organisatorischen Teil, die emotionale Nachsorge und schult Mitarbeiter.

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