Sogar Streithähne dürfen ausreden

+
Schiedsmann Werner Frei amüsiert sich über die „Streitschlichter-Stückchen“ aus Schokolade, die er als Dank bekommen hat.

Offenbach ‐ In die Abgründe der menschlichen Seele blickt Werner Frei seit 22 Jahren. Seit dieser Zeit füllt er das Ehrenamt des Schiedsmannes aus und ist damit gewissermaßen Zank-Experte. Von Simone Weil

Viele Streithähne treffen sich bei ihm, um ihre Konflikte relativ schnell und im Gegensatz zu Gerichtsverfahren vergleichsweise preiswert austragen zu können.

Bei bestimmten Ansprüchen oder Streitigkeiten muss zuerst das Schiedsamt angerufen werden, erst im Falle eines erfolglosen Schlichtungsversuches können Kontrahenten Justitia bemühen. Allerdings hat nicht jeder Interesse an einer außergerichtlichen Lösung: Manche Eiferer wollen einfach mal ihre Rechtsschutzversicherung in Anspruch nehmen. Deswegen lassen sie den anberaumten Termin beim Friedensstifter ungenutzt verstreichen und damit die Aktenstapel bei Gericht immer höher werden.

Der Einfallsreichtum mancher Zeitgenossen, die auf Teufel komm raus Unfrieden stiften wollen, ist groß: Der inzwischen pensionierte Oberamtsrat, der im Rathaus für Ehrungen und Partnerschaftsbeziehungen zuständig war, weiß von gemeinen Kerlen, die sich extra eine Schrottkiste zulegen und anmelden, nur um sie zum Ärger des Nachbarn auf dem Parkplatz vor dessen Haus abstellen zu können.

Versöhnung in 30 bis 40 Prozent der Fälle

Ansonsten sind es immer wiederkehrende Phänomene, die das menschliche Zusammenleben erschweren: Zäune, Grundstücksgrenzen, Lärm und Grillschwaden zählen zu den Konflikt-Klassikern. Fallen während einer Auseinandersetzung Schimpfwörter und Beleidigungen, kann das Ganze eskalieren. Schnell kommt die Drohung: „Ich zeig' dich an“. Doch auch die Polizei verweist Kontrahenten in vielen Fällen zuerst an den Schiedsmann.

Dem Offenbacher Schlichter gelingt es in 30 bis 40 Prozent der Fälle, die Parteien zu versöhnen. Dann ist er stolz und zufrieden. Dies sei das schönste an seiner Tätigkeit, meint Frei. „Ich bin sehr harmoniebedürftig, das kommt mir bei dieser Arbeit entgegen“, sagt er.

Doch selbst ein so erfahrener Versöhner erlebt noch Überraschungen: Nachdem es eine einvernehmliche Lösung in einem Nachbarschaftszwist gegeben hatte, bedankte sich eine Partei mit einem kleinen Geschenk. Frei: „Obwohl ich vom Rotwein bis zu Einladungen zum Essen schon vieles angeboten bekommen habe, nehme ich in dieser Funktion natürlich keine Geschenke an. Aber dieses war so originell, dass ich eine Ausnahme gemacht habe.“

Im Vorfeld wird nicht vernünftig miteinander geredet

Auf dem Schokoladen-Päckchen steht „Streitschlichter-Stückchen“. Beispiele sind auf dem Rand abgebildet. In einer „Galerie der Streitgeschichte“ ist die Rede vom „Stein des Anstoßes“, vom „Wunden Punkt“, vom „Gedulds-Faden“, vom berühmten „Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte“ oder dem „Elefant, der aus einer Mücke gemacht wurde“.

Die Schlichtung soll nach Anregung des Herstellers mit Schokolade besiegelt werden. „Eine bezaubernde Idee“, findet der 67-Jährige.

Die Differenzen, die in den glücklichen Ausgang mündeten, sollen nicht verschwiegen werden: In einem Haus geraten zwei Ehepaare aneinander, weil in einer Wohnung Klavier und Blasinstrument gespielt werden. Anfangs ist dies nicht schlimm, weil das jüngere Paar berufstätig und tagsüber aus dem Haus ist. Doch als die Frau krank und auch Urlaub daheim verbracht wird, entgeht ihnen die Hausmusik nicht. Unmut entsteht, der in der Sprechstunde des Schiedmannes (donnerstags von 16.30 bis 17.30 Uhr im Rathaus-Saal 4) beigelegt werden kann: Man einigt sich auf feste Probezeiten am Vormittag.

Typisch findet der Vermittler, dass – wie so häufig – im Vorfeld nicht vernünftig miteinander geredet wurde. „Oft finden bei mir die ersten Gespräche statt“, erzählt Frei. Wichtig ist ihm bei dieser Begegnung: „Bei mir darf jeder ausreden."

Der Schiedsmann unterscheidet zwischen den „richtigen Streitschlichterfällen“, von denen er 30 bis 40 pro Jahr hat, und den sogenannten Tür-und-Angel-Fällen: In diesen Angelegenheiten reicht meist ein Rat oder ein Brief, um Frieden herzustellen.

Übrigens ist der Offenbacher Konfliktfachmann einer der fleißigsten: Er ist alleine für 118.000 Bürger zuständig, das ist das bundesweit größte Gebiet. Zum Vergleich: In einer Stadt wie Frankfurt am Main arbeiten immerhin 19 Ehrenamtler am friedlichen Zusammenleben.

Kommentare