Falsch ausgerichtet

„Wer denkt sich denn so was aus?“ Solarstrom spielt in Bürgel-Ost keine Rolle

Im Baugebiet Bürgel-Ost sind viele Häuser aufgrund des alten Bebauungsplans so ausgerichtet, dass Solaranlagen keinen Sinn machen.
+
Im Baugebiet Bürgel-Ost sind viele Häuser aufgrund des alten Bebauungsplans so ausgerichtet, dass Solaranlagen keinen Sinn machen.

Auch wenn die ersten Häuser im Offenbacher Baugebiet erst vor Kurzem gebaut wurden, liegt die Planung bereits 17 Jahre zurück. Solarstrom spielte noch keine große Rolle.

Offenbach – In Bürgel-Ost wird gebaut, nach und nach entstehen dort neue Wohnungen. Doch etwas irritiert Leser wie Edwin Bach: Ihn erstaunt, dass „die Dachflächen (Pultdach) der meisten Häuser, der Sonne abgeneigt sind“. Sprich, in Zeiten, in denen über Energiewende und alternative Energiegewinnung laut gesprochen werde, hat Solarstrom im Baugebiet keine Priorität. „Wer denkt sich denn so was aus?“, fragt Bach.

Tatsächlich sind die geplanten oder bereits errichteten Häuser teils so ausgerichtet, dass keine effektive Nutzung mit Photovoltaik möglich ist – dabei zählt Bürgel ansonsten zu den Gebieten Offenbachs, in denen besonders viele Eigentümer ihre Dächer mit Photovoltaikanlagen ausgestattet haben. „Die meisten der 480 Solaranlagen in Offenbach stehen im Bereich der Postleitzahl 63075“, sagt Martin Ochs vom Offenbacher Energieunternehmen EVO. Also in Bürgel, Rumpenheim und An den Eichen. Somit erscheint es tatsächlich fragwürdig, weshalb mit einem neuen Baugebiet am Mainzer Ring dieser Trend durchbrochen wird.

Pläne für Baugebiet in Offenbach sind schon 17 Jahre alt

Die Antwort dafür habe mit dem Alter des Baugebietes zugrunde liegenden B-Plan zu tun, sagt Planungsdezernent Paul-Gerhard Weiß (FDP). Denn auch wenn die ersten Häuser dort vor kurzem gebaut wurden, liegt die grundsätzliche Planung doch 17 Jahre zurück. „Die Bebauung heute muss sich demnach an die Vorgaben halten, die vor gut 17 Jahren gemacht wurden“, sagt Weiß, „eine Zeit, in der die Errichtung von Solarpaneelen auf privaten Hausdächern eher eine Ausnahme war.“

Die Ausrichtung der Häuser zur Nutzung von Photovoltaik habe um 2004 nicht im Mittelpunkt des Interesses gestanden – vielmehr wurde darauf geachtet, dass die Häuser entsprechend den städtebaulichen Vorgaben in Sachen Lärmschutz ausgerichtet würden. Auch die effiziente Ausnutzung der vorhandenen Flächen, etwa in Sachen Dachgeschossausbau, sei damals wesentlich mehr berücksichtigt worden als Solaranlagen auf dem Dach.

Bei den Planungen im Baugebiet in Offenbach standen Gebäudestellung und Lärmschutz im Mittelpunkt

Das Straßennetz im Baugebiet habe demnach den Ausschlag für die Ausrichtung der Häuser gegeben. „Im Baugebiet gibt es deshalb Bereiche, in denen die Dächer einer möglichen Bebauung besser für Solaranlagen geeignet sind – etwa in der Edel-Gasch-, Gretel-Maraldo- oder Maximilian-Kolbe-Straße“, sagt Weiß. In anderen Bereichen, darunter eben entlang des Mainzer Rings wurde „bei der Gebäudestellung der Lärmschutz sowie der Ausbau der Dachgeschosse zu Wohnzwecken der Vorrang gegeben“. Das schließe aber nicht aus, dass die Eigentümer etwa mit Brennstoffzellen andere alternative Konzepte zur Energiegewinnung anbringen könnten.

„Bei neueren Bebauungsplänen wird die Möglichkeit zur Errichtung von Solaranlagen auf Dächern in besonderem Maße unterstützt“, betont der Planungsdezernent. Bei der Überarbeitung des B-Plans zu Waldheim-Süd 2014 sei somit auf die Nutzung von Solaranlagen auf Dächern geachtet worden bei der Ausrichtung der Gebäude.

Nicht nur Baugebiet in Offenbach betroffen, sondern auch Schul-, und Turnhallendächer

Allerdings: Selbst die Stadt geht nicht immer mit gutem Beispiel voran – so sind längst nicht alle Schul-, und Turnhallendächer mit Photovoltaikanlagen ausgestattet. Laut der EVO werden zudem 80 Prozent der Anlagen auf Bestandsgebäuden von Privateigentümern errichtet – beim Hausbau spielt die Solaranlage somit zunächst eine untergeordnete Rolle. Ob dies an den ohnehin hohen Kosten für Dämmung und sonstige energetischen Anforderungen liegt und man also weitere Kosten verhindern möchte, darüber kann nur spekuliert werden.

Auch wenn einiges an Strom im EVO-Netz inzwischen aus Solarstrom stammt, für die Stromsicherheit seien die Privatanlagen jedoch nicht essenziell. Eher würde damit der jeweilige Eigenbedarf bedient.

Übrigens: Auf dem Dach des Verlagshauses unserer Zeitung gewinnt eine Photovoltaikanlage Strom aus Sonnenlicht. Rund 95 Prozent davon decken den Eigenbedarf, nur fünf Prozent fließen ins EVO-Energienetz. (Frank Sommer)

Das Baugebiet Bürgel-Ost in Offenbach kostet richtig viel Geld. Die Gesamtkosten belaufen sich auf einen zweistelligen Millionenbetrag.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare