Solarstrom vom Müllberg

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Ein Standpunkt mit Weitblick: Die Mülldeponie auf dem Schneckenberg befindet sich formell in der Nachsorgephase. Die Südseite des Berges soll Plänen zufolge mit einer Photovoltaikanlage bestückt werden.

Offenbach - Wohl selten hat ein Haufen Abfall die Phantasie von Kommunalpolitikern mehr beflügelt als die ehemalige Haus- und Industriemülldeponie am Schneckenberg. Von Matthias Dahmer +++ Fotostrecke +++

Die mit 179 Metern höchste Erhebung Offenbachs, deren Sanierung 1999 begann, wurde schon als Rodelhang, Skipiste oder Ausflugsziel mit phänomenaler Aussicht auf den Taunus gehandelt.

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Auf dem SCHNECKENBERG legte 1962 die Firma Grix nach 25 Jahren einen Kalksandsteinbruch still. In ihn wurden Galvanikschlämme und Gerbereiabfälle gekippt, später ließen Bauschutt sowie Sperr- und Hausmüll den Berg in die Höhe wachsen. 15,5 Millionen Euro, von denen das Land Hessen 85 Prozent trug, kostete die teilweise Wiedergutmachung dessen, was in den 70er und 80er Jahren angerichtet wurde. Ab 1999 wurde saniert, Kernstück ist ein Kapillarsperrensystem zur Abdichtung, die Deckschicht besteht aus 46 000 Kubikmetern Rheinsand. Die Rekultivierung des Bergs ist abgeschlossen, es wird jedoch weiter beobachtet, wie sich Gase und Grundwasser entwickeln. Der Name „Schneckenberg“ geht auf den Umstand zurück, dass im abgebauten Kalksandstein viele fossile Einschlüsse der Weichtiere gefunden wurden.

Als jüngster Vorschlag geistert durchs politische Offenbach die Idee eines Solarkraftwerks auf dem Schneckenberg; aufgewärmt von der SPD, die sich einen im Juni 2008 beschlossenen CDU-Antrag zu eigen machte, worüber sich die Union dieser Tage zur Recht beklagte.
Doch was geht denn nun wirklich auf dem Grix? Bei der Rhein-Main-Nachsorge GmbH (RMN), die sich unter anderem um die ehemalige Deponie kümmert und beim Stadtdienstleister ESO, in dessen Auftrag die RMN handelt, wurde auf Anfrage vielsagend geschwiegen. Das sei eine politische Entscheidung, hieß es lediglich.
Nach Informationen unserer Zeitung sind die Pläne für eine Nutzung der ehemaligen Deponie aber bereits weit gediehen. Danach soll die Hälfte des Schneckenbergs mit Solarmodulen zugepflastert werden. Die so entstehende Photovoltaikanlage auf der steilen Südseite des Berges wäre mit mehr als einem Hektar Fläche die größte in der Stadt. Baubeginn könnte im nächsten Jahr sein, wenn denn die politischen Gremien dem Vorhaben zustimmen.

Bilder der ehemaligen Mülldeponie auf dem Schneckenberg

Solarstrom vom Müllberg

Dem Votum der Fachleute für die Sonnenkraft ging eine umfangreiche Prüfung dessen voraus, was auf dem Grix unter den gegeben Umständen gemacht werden kann. Denn bei der Rekultivierung der Deponie wurde zwar nicht auf eine Billiglösung gesetzt, doch der Offenbacher Sparzwang macht es Visionären nicht einfach. Die obere Hälfte des Berges ist mit einer nur 50 Zentimeter dünnen Erdschicht bedeckt, darunter stößt man schon auf die Abdichtung der Deponie. Deshalb scheiden andere Überlegungen aus dem weiten Feld der regenerativen Energien, wie etwa ein Windpark, aus. Auch eine extensive Nutzung als Freizeitanlage ist bei der Deponie, die noch mindestens 20 Jahre in der Nachsorgephase ist und damit als technisches Bauwerk gilt, ausgeschlossen. Ein bisschen was in Sachen Erholung gepaart mit Wissensvermittlung soll nach dem Willen der Planer schon gehen. Sie könnten sie sich etwa Führungen von Schulklassen auf der kahlen Erhebung vorstellen.

Einig ist man sich, dass es alleine der Blick von unten auf eine abgedeckte und begrünte Müllhalde nicht sein kann für die nächsten Jahrzehnte. Jetzt sind die politischen Gremien am Zug. Einerseits ist wohl die Mehrheit für die Photovoltaik-Pläne, andererseits gilt es offenbar noch Öko-Hardliner zu überzeugen, die den Schneckenberg gern als reines Biotop sehen möchten.

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