Sie schützen alte Schätze

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Die Arbeitsgeräte der Restauratorinnen zeigt ein eigener Raum, die restliche Ausstellung ist im Ledermuseum verteilt.

Offenbach - Schätze brauchen Schutz. Vor allem, wenn sie Jahrhunderte alt sind und aus organischen Materialien wie Leder, Seide oder Holz bestehen – und somit vergänglich sind. Von Veronika Szeherova

Das Deutsche Ledermuseum (DLM) beherbergt mehr als 30.000 solcher Schätze in seiner Dauerausstellung und viele weitere in den Magazinen. Drei Schutzengel wachen über sie – die Restauratorinnen Jutta Göpfrich, Nina Frankenhauser und Katharina Mackert. Einen Einblick in die gleichermaßen faszinierende wie Präzision und Geduld erfordernde Arbeit ermöglicht die Sonderausstellung „Wettlauf mit der Vergänglichkeit“, die ab sofort im Ledermuseum zu sehen ist.

Anlass dafür ist die internationale Fachtagung der Restauratoren von „Leder und artverwandtem Material“, die vergangene Woche im Ledermuseum stattfand. Die DLM-Restauratorinnen freuten sich, den Fachkollegen ihre Objekte vorzustellen und mit ihnen über konkrete Fragestellungen und Probleme zu sprechen. Schließlich verlangt die Arbeit eines Restaurators oft eine detektivische Herangehensweise.

25 Jahren Arbeit der Restauratorinnen

Was das konkret bedeutet, zeigt die Sonderausstellung anhand von 20 Fallbeispielen aus 25 Jahren Arbeit der Restauratorinnen. Die Schau konzentriert sich nicht in einem Raum, sondern ist übers ganze Haus verteilt. „Wir zeigen die Exponate an dem Ort, wo sie sich eingelebt haben“, sagt Direktor Dr. Christian Rathke. Und Besucher haben gleichzeitig Gelegenheit, mal wieder die einzelnen Abteilungen zu entdecken.

Texttafeln in deutscher und englischer Sprache erläutern den Zustand, in dem die Restauratoren das Objekt bekommen haben, die Maßnahmen, die daran vorgenommen wurden, und kommentieren schließlich die Besonderheiten der Arbeit an eben jenem Exponat.

Schutzpanzer für Bogenschützen

Wie etwa einem Lamellenpanzer aus dem 19. Jahrhundert, der wahrscheinlich vom Volk der Naxi aus China stammt und seit 1929 im Besitz des Ledermuseums ist. „Er war jahrelang nicht ausgestellt, wir haben ihn voriges Jahr aus dem Magazin geholt für die Steppenkrieger-Ausstellung in Bonn“, erzählt Nina Frankenhauser. Über das Objekt war kaum etwas bekannt. Er besteht, so haben die Restauratorinnen nachgezählt, aus 1558 ledernen Einzelplatten. Sie vermuten aufgrund des asymmetrischen Schnitts, dass es sich um einen Schutzpanzer für Bogenschützen handelt. „Wir haben ein Siegel gefunden, das darauf hinweist, dass er zu einem Regiment gehörte“, sagt Frankenhauser. „Es war sehr spannend, an diesem Objekt zu arbeiten, wir haben ständig Neues entdeckt.“

Eine spezielle Herausforderung war es, den 15-Kilo-Panzer richtig zu präsentieren. Die Restauratorinnen konstruierten eigens eine Figurine, die das komplett auf den Schultern lastende Gewicht so abfängt, dass kein weiterer Schaden am Exponat entsteht. Sie selbst darf keine Ausdünstungen von Weichmachern haben und ist säurefrei. Das Klima ums Objekt herum muss stimmen.

„Es muss ungeheuer viel berücksichtigt werden“

„Es muss ungeheuer viel berücksichtigt werden“, weiß die stellvertretende Museumsleiterin Dr. Rosita Nenno. Der Wissensstand sei heute ein ganz anderer als noch vor 20 Jahren, was zum Wandel des Auftrags von Restauratoren geführt habe. „Früher fügte man Materialien hinzu, klebte und nähte einfach zusammen, das Objekt sah hinterher aus wie neu“, so Nenno. Heute sei es anders.

„Der wichtigste Auftrag ist es zunächst, das Objekt in seinem Zustand zu erhalten und es so zu konservieren, dass es auch die nächsten 500 Jahre übersteht“, erläutert Nenno. Grundlegend sei, dass weder unerwünschte Chemikalien aus der Umwelt noch irgendwelche Keime an die Stücke gelangen. Nenno: „Wenn wir neue Objekte bekommen, packen wir sie als Vorsichtsmaßnahme erstmal in Müllbeuteln für fünf Wochen in die Stickstoffkammer – das entfernt alles, was lebt.“

Zum Alltag der Restauratorinnen gehört die Kontrolle der Bestände und deren Dokumentation. Doch auch in experimenteller Archäologie versuchen sie sich. So haben sie anhand ihrer Forschungsarbeit mit Röntgengerät, Mikroskop und alten Darstellungen eine etruskische Sandale rekonstruiert. Das Ergebnis zeigt die Ausstellung bis 12. Januar 2013 an der Frankfurter Straße 86.

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