Sound Check

Zum Auslaufmodell geworden

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Räumungsverkauf: Nächste Woche ist Schluss an der Kaiserstraße 31. Das Geschäft rechnet sich nicht mehr. An der Lage...

Offenbach - Abba, Boney M. , Fats Domino. Einige Klassiker liegen noch im Vinyl-Regal. Wer die aktuellen Charts auf Compact Disc sucht, wird dagegen leer ausgehen. Die standen aber noch nie so richtig im Fokus der Kundschaft von Oskar Walter. Von Fabian El Cheikh

Zahlreiche Games für Computer und Spielekonsolen sind noch zu haben. „Aber auch da sind die aktuellen Titel bereits abverkauft. “ Ein paar Filme gibt’s noch auf BlueRay, ein wenig mehr auf DVD. Ein weiteres Auslaufmodell. „Die Geschäftsgrundlage ist zunehmend weggebrochen“, bedauert Walter. Noch eine Woche, dann ist endgültig Schluss. Großer Ausverkauf im Sound Check.

Wenn Oskar Walter Ende Januar zum letzten Mal die Ladentür an der Kaiserstraße zuschließt, wird eine Ära in Offenbach zu Ende gehen. Dann verliert die Stadt das letzte inhabergeführte Fachgeschäft für Musik, nachdem einst so bekannte Läden wie Govi, Music Arts und Montanus schon vor vielen Jahren dicht gemacht haben.

„Die Jungen wollen nur noch Musik für ihren iPod“

Drei Jahrzehnte lang hat Oskar Walter durchgehalten. Der gebürtige Offenbacher hat Tonträger aller Art verkauft. Vor allem Platten, die nicht unbedingt zum kommerziellen Mainstream gehörten und nicht immer einfach zu besorgen waren. Für einige Schülergenerationen war der Sound Check die Anlaufstelle Nummer eins.

Heute kaufen nur noch wenige Offenbacher CDs und Schallplatten, hören die Jungen nur noch digitalisierte Musik im mp3-Format, heruntergeladen aus dem Internet. „Die wollen keine Discs mehr, nur noch Musik für ihren iPod.“ Die meisten Kunden von heute sind mit Oskar Walter groß geworden, mit ihm gealtert.

Schon vor einem Jahr hat der 55-Jährige seinen Entschluss gefasst. „Das Geschäft lohnt sich nicht mehr, die Umsätze stagnieren. Ich will im Jubiläumsjahr rechtzeitig die Reißleine ziehen, ehe die Verluste zu groß werden.“ Eine rationale Entscheidung für ihn, eine emotionale für die Kunden. „Viele verbinden eigene Erlebnisse aus Kindheit und Jugend mit diesem Laden, haben dort ihre erste Musik-CD gekauft.“

...hat’s jedenfalls nicht gelegen, sagt Oskar Walter.  

Gegründet hat Walter den Sound Check 1983 zunächst als reinen Second-Hand-Laden für Schallplatten, damals zusammen mit den Geschäftspartnern Matthias Gessner und Peter Emge. Während Walter sich auf Rock und Independent sowie die Klassiker der 60er, 70er und 80er konzentrierte, brachte Matthias Gessner die Technolabels ins Geschäft ein. „Wir waren zu jener Zeit der erste Händler im Rhein-Main-Gebiet, der auch Alben der Kunden aufkaufte.“ Später kam das wachsende Segment der Computerspiele hinzu.

Veränderte Kaufverhalten der Menschen

Zweimal zogen der Industriekaufmann und seine Kollegen um, von der Stadthof-Passage, die „sich schnell als tote Ecke herausgestellte“, an die Große Marktstraße. „Als ein Frankfurter Hai die Immobilie übernahm und der Mietvertrag auslief, wechselten wir 1995 an die Kaiserstraße.“ Mit der Zeit sprangen die Partner ab, „das Geschäft warf nicht mehr genug für alle ab“.

In den vergangenen Wochen sind auch jene Kunden, die lange nicht mehr reingeschaut haben oder Oskar Walter persönlich kennen, noch einmal an die Kaiserstraße gekommen, haben bedauernd nachgefragt, ob die Anzeige in der „Offenbach-Post“ denn stimme, dass der Ausverkauf gestartet sei. „Wirklich sehr schade!“, finden die beiden jungen Männer, die an diesem Vormittag in den sich leerenden Regalen stöbern. Andere erfahren erst jetzt, dass das Geschäft dicht gemacht wird. „Ich dachte, ihr zieht um?!“

Warum Oskar Walter schließt, ist letztlich allen klar. Der Grund ist das veränderte Kaufverhalten der Menschen. „Das Internet hat mich viel Kundschaft aus dem Kreis gekostet. Nur die Offenbacher sind mir treu geblieben.“ Für diejenigen, die eine Stunde nach Offenbach brauchen, sei der zeitliche Aufwand zu groß, „wo das Lieblingsalbum auf Amazon nur einen Mausklick entfernt ist“. Alles eben viel bequemer, zu Hause bestellt, nach Hause geliefert.

Oskar Walter hat die Hochzeiten der Musikbranche erlebt, aber auch ihr langsames Ableben. Während die mp3 das klassische Musikformat und damit die CD ins Grab gebracht hat, sind es bei den Computerspielen die Hersteller selbst, die Kosten einsparen und Produkte per Download im World Wide Web an den Mann bringen. „Der Kostendruck ist überall gestiegen. Der Hersteller spart sich den Handel als Mitverdiener und vertreibt mit wenig Aufwand seine Produkte selbst im Internet.“

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Für den Geschäftsinhaber ist klar: „Der digitale Datenträger ist ein Auslaufmodell.“ Lange Jahre ein Geschäft mit Zuwachsraten, stirbt dasselbe angesichts technischer Fortschritte einen zunehmend schnellen Tod. Erst war’s die CD, dann die DVD, bald wird auch die noch in den Kinderschuhen steckende BlueRay kaum mehr Abnehmer finden. „Perspektivisch trägt’s nicht mehr, das spüren auch zunehmend die Platzhirsche wie Media-Markt und Saturn, die aber haben andere Waren, die sie verkaufen können, und eigene Download-Portale im Netz.“

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Der Geschäftsinhaber nennt einen „Cocktail an Gründen“, warum Schluss ist: zu wenig Gewinn in den vergangenen zwei, drei Jahren, die alleinige Verantwortung für den Laden, ein zu schnelllebiges Geschäft, das hauptsächlich von Topaktuellem lebt. „Und ich musste zuletzt immer allein hinter der Theke stehen.“ Es ist wohl auch ein bisschen so, dass Oskar Walter einfach keine Lust mehr hat.

Jetzt verkauft er alles mit hohen Rabatten. In der kommenden Woche muss alles raus, weshalb die Preise noch einmal deutlich gesenkt werden. Und es wird zugegriffen: Selbst der große Promo-Aufsteller mit der eindrucksvollen Blondine, die für einen der größten Spielehits der Vergangenheit – „Grand Theft Auto“ – wirbt, hat schon einen Abnehmer. Zwei Kunden wühlen sich durch die letzten Schallplatten, mit denen alles mal angefangen hat. Irgendwie schließt sich der Kreis.

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