Nach 40 Jahren in den Ruhestand

Sozialarbeiter Georg Sarwas: Mit Strenge und Verständnis

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Georg Sarwas hat in seiner 40-jährigen Berufserfahrung als Sozialarbeiter viel erlebt. 

Offenbach - Ob aggressive Gangs, junge Muslime, die sich mit Salafismus beschäftigen, oder Kinder, die ihre Deutschnote durch das Schreiben von Zeitungsartikeln verbessern: Die Erfahrungen, die Georg Sarwas in 40 Jahren Sozialarbeit beim Jugendamt gesammelt hat, sind vielfältig. Nun geht er in den Ruhestand. Von Veronika Schade

40 Jahre Jugendarbeit: Für Georg Sarwas ist es Berufung und Lebensinhalt. „Ein schöner, erfüllender Beruf“, sagt der 65-Jährige. Seine Tage im Jugendamt sind gezählt, zum Monatsende verabschiedet er sich in den Ruhestand. „Sie werden mir fehlen“, sagt der Sozialarbeiter über die Kinder und Jugendlichen, von denen er im Lauf der Jahrzehnte Tausende betreut hat. Dabei sammelte er einen ganzen Schatz an Erfahrungen – darunter einige unangenehme. Ein Schlüsselerlebnis hat er kurz nach dem Studium Mitte der 70er-Jahre in der Frankfurter Nordweststadt. „Ein Jugendlicher hat mit einer aufgebrochenen Flasche Kinder bedroht.“ Da gilt es rasch zu handeln. Sarwas schlägt ihn kurzerhand nieder. „Das sind Situationen, auf die das Studium einen nicht vorbereitet.“ Obwohl er von seinem Vorgesetzten belobigt wird („Heute absolut undenkbar“), sucht er sich eine neue Stelle.

1977 wechselt er in seine Heimatstadt Offenbach zum Projekt „Hilfe für junge Arbeitslose“. Es will problematische Jugendliche in Arbeit bringen, viele davon aus dem Lohwald. Nach Auslaufen des Projekts stellt er im „Club 32“, in dem Saufen und Schlägereien an der Tagesordnung sind, in zehnjähriger Geduldsarbeit eine funktionierende Jugendbegegnungsstätte auf die Beine. Dabei macht er Bekanntschaft mit der berüchtigten „Einherier“-Gang. „Ich hatte schon immer den Vorteil, auf freche Schnauzen auch mal ein bisschen körperlich reagieren zu können“, sagt Sarwas im Hinblick auf seine Statur.

„Der beste Weg ist, ehrlich zu sein“

Doch ist dies der letzte Ausweg. Primär setzt Sarwas auf Reden, ein offenes Ohr, gemeinsame Aktivitäten und vor allem Authentizität: „Der beste Weg ist, ehrlich zu sein, Regeln und Grenzen zu setzen.“ Jugendliche bräuchten diese, um Halt und Orientierung zu erfahren. „Die Jungs, zu denen ich am strengsten war, erinnern sich später immer am besten an mich“, erzählt er schmunzelnd. Er könne kaum durch die Stadt gehen, ohne ständig jemanden zu grüßen. Manchmal trifft er nach Jahrzehnten seine „Kids“ wieder, teils schon mit eigenem Nachwuchs.

Dem „Club 32“ folgen zehn Jahre im Isenburger Schloss, in denen er sich der Arbeit mit Kindern widmet. Die Seite „Kinder schreiben (nicht nur) für Kinder“, in losen Abständen in unserer Zeitung erschienen, nimmt ihren Anfang. „Für die Kinder war es immer etwas Besonderes, tolle Ausflüge zu unternehmen und ihren Namen in der Zeitung lesen zu können. Und nebenbei verbesserte sich ihre Deutschnote“, erzählt er mit etwas Wehmut. Kurz darauf beginnt sein Kindertheaterprojekt, das er bis heute betreut und das künftig ein Kollege übernimmt.

Seit Eröffnung des Kinder-, Jugend- und Kulturzentrums Sandgasse 26 steht dort sein Schreibtisch. Hinter dem sitzt er aber selten; die Arbeit mit Jugendlichen hat Vorrang. Etwa an der Mathildenschule, wo er „mit schwierigen Jungs, um die sich keiner kümmern will“, kickt. Gerade der Sport ermögliche es, Jugendliche zu erreichen. „Sie lernen Toleranz und Teamgeist“, schwärmt der Sozialarbeiter. Bewusst bildet er Teams mit Leuten aus verschiedenen Ländern. „Man muss der Tendenz entgegenwirken, dass alle ihre eigenen Grüppchen bilden und unter sich bleiben“, findet Sarwas.

Mehr Arbeit in Schulen investieren

„Von sich aus passiert echte Kommunikation leider selten“, beobachtet er im Offenbacher Alltag, aber auch bei Veranstaltungen wie dem Kulturfest der Nationen. „Dabei sind wir darauf angewiesen, miteinander zurechtzukommen.“ Es gebe zwar gute Ansätze wie runde Tische und Stadtteilbüros, doch es müsse mehr in die Arbeit an Schulen investiert werden. Die meisten, mit denen er mittlerweile zu tun hat, sind Muslime. Bei vielen beobachtet er eine „Flucht in religiöse Welten“. Er spricht offen mit ihnen, auch über Salafismus. „Als der Hassprediger Pierre Vogel in Offenbach war, hat sie das sehr beschäftigt.“ Ebenso der tödliche Angriff auf Studentin Tugce: „Manche kennen den Täter.“

Sind die Heranwachsenden aggressionsbereiter als noch vor 40 Jahren? Sarwas verneint dies. „Heute werden Übergriffe in den Medien publik gemacht. Aber ansonsten haben sich die ethischen Werte nicht verändert.“ Die Jugendlichen suchten nach wie vor nach Vorbildern, nach Halt, nach Orientierung. Sie seien für Dinge zu begeistern, wenn sie sich ernst genommen und akzeptiert fühlten. Sich aus dem sozialen Engagement zurückzuziehen, ist für den zweifachen Vater, der zudem als Betreuer beim Vormundschaftsgericht und als Mediator tätig ist, undenkbar. „Die Hospizarbeit umtreibt mich.“ Aber er freut sich auf mehr Zeit zum Lesen und für Freunde, will Triathlon trainieren. Am Jugendamt schätzte Georg Sarwas das Miteinander, die „gute Streitkultur“. Er schmunzelt: „Es hat sich gelohnt, manchmal widerborstig zu sein.“

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