Kommentar: Soziale Sprengkraft

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Peter Schulte-Holtey

Die Zahlen zur Kinderarmut in Offenbach sind mehr als eine Statistik, sie machen uns betroffen und fordern zu weiterem Handeln auf. Fast nirgends in Deutschland gibt es mehr Kinder, die in Armut leben, belegt eine Studie der Bertelsmann Stiftung. Von Peter Schulte-Holtey

Was immer wieder erschreckt, ist die Betroffenheit im Alltag. Um die Armut zu verstecken, wird zum Beispiel bei Schulausflügen Krankheit vorgetäuscht, werden Einladungen zu Kindergeburtstagen nicht ausgesprochen. Die Jungen und Mädchen wachsen oft in Familien auf, die teilweise in zweiter oder dritter Generation von Stütze leben. Dort vererbt sich Armut; es entstehen Ghettos, die schnell soziale Sprengkraft entwickeln können.

Vieles ist in Offenbach schon bewegt worden. Es gibt zahlreiche Angebote, mit denen armen Familien und Kindern unter die Arme gegriffen wird. Dazu gehörten etwa eine finanzielle Unterstützung für das Mittagessen im Kindergarten, hinzu kommen Sprachförderung, Hilfestellungen bei der MainArbeit. Und die Kinderarmut sinkt. Die Zahl der von Hartz-IV-Leistungen lebenden unter 15-Jährigen hat sich verringert.

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Grund zur Entwarnung gibt es dennoch nicht. Zwar finden auch Langzeitarbeitslose wieder häufiger Arbeit. Doch auch in Rhein-Main ist längst ein gefährlicher Trend zu spüren: Bei den neuen Jobs handelt es sich oftmals um niedrig entlohnte und unsichere Stellen. Wer aber befristet eingestellt wird, dem droht schon bald wieder der Jobverlust und die Rückkehr zu Hartz IV.

„Armut darf nicht in Chancenlosigkeit münden“, sagte das Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, Jörg Dräger. Wo die Probleme größer seien, müsse auch mehr Geld für gute Kitas und gezielte Förderung in Brennpunkten investiert werden. Das ist natürlich richtig. Eine hoch verschuldete Stadt wie Offenbach wird dies aber nicht ohne entschieden mehr Unterstützung von der Landesregierung stemmen können. Kinderarmut muss als zentrales sozialpolitisches Problem weiter bekämpft werden, vorrangig durch gute Kinderbetreuung und Bildungsangebote.

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